Ukrainer:innen gehen auf Kirche zu

Der Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine jährt sich zum vierten Mal. Deshalb setzt sich alexandria mit der hartnäckigen Behauptung auseinander, dass Präsident Selenskyj die orthodoxe Kirche verbieten will.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges kursiert immer wieder die Behauptung, in der Ukraine werde die orthodoxe Kirche, ja sogar das gesamte Christentum verboten. Besonders im Umfeld rechter politischer Narrative wird diese Behauptung teils in antisemitischer Weise mit Präsident Wolodymyr Selenskyj verknüpft. Dabei wird betont, Selenskyj sei Jude und agiere deshalb "gegen das Christentum", eine Darstellung, die Schlagzeilen produziert, aber die komplexe Kirchenlandschaft in der Ukraine ignoriert.

So bezeichnete beispielsweise der rechte Kommentator Tucker Carlson Selenskyjs Vorgehen als "War against Christianity" (zu dt. "Krieg gegen das Christentum"). 2024 führte er ein vielbeachtetes Interview mit Putin, in dem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ausführlich Raum zur Rechtfertigung bekam.

Aus eins mach zwei

Die Behauptung, die orthodoxe Kirche in der Ukraine werde verboten, übersieht eine grundlegende Tatsache: In der Ukraine existieren seit 2019 zwei parallele orthodoxe Kirchenorganisationen. Sie unterscheiden sich zwischen der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) und der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, ehemals als Moskauer Patriarchat bekannt („UOK-MP“). Vor der staatlich geförderten Neuordnung waren es sogar drei getrennte orthodoxe Strömungen, die um kanonische Anerkennung rangen.

Die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) entstand 2018 aus der Vereinigung ehemals konkurrierender Gruppen. 2019 erhielt die OKU vom Patriarchen von Konstantinopel, dem orthodoxen Ehrenoberhaupt, die sogenannte Autokephalie, also die kirchliche Unabhängigkeit (Denysenko 2014, Mykhaleyko 2020).

kiewer höhlenkloster ukrainekrieg

Das Kiewer Höhlenkloster ist eines der bedeutendsten orthodoxen Klöster Osteuropas, bekannt für seine unterirdischen Mönchshöhlen. Auch dieses Kloster wurde 2022 von der ukrainischen Sicherheitsbehörde SBU durchsucht, weil sie den Verdacht hegt, dort könnten feindliche Agenten tätig sein. Copyright: Wikimedia Commons

Parallel dazu bestand bis 2022 die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, die Teil der russisch-orthodoxen Kirche war. Diese Kirche war die traditionell größte orthodoxe Gemeinschaft in der Ukraine. Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 erklärte sie formal ihre Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat und verurteilte die Invasion. Metropolit Onufrij forderte ein sofortiges Ende des Krieges: „Ein solcher Krieg ist nicht zu rechtfertigen, weder vor Gott noch vor den Menschen.“ Ukrainische Behörden zweifeln jedoch an der Unabhängigkeit, und behaupten, die Kirche sei weiterhin strukturell mit Moskau verbunden.

Im Gegensatz dazu unterstützt das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I., den Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Ein Blick auf das Leben Kyrills erscheint einem wie der Plot eines Tarantino-Films: Er stieg vom KGB-Agenten zum Oberhaupt der größten orthodoxen Kirche der Welt auf, dazwischen lagen noch ein paar unscharfe Geschäfte mit Tabak und eine mögliche Geliebte.

Lange Geschichte

Die Komplexität der christlichen Landschaft in der Ukraine ist das Resultat jahrhundertelanger konfliktreicher Geschichte. Bereits im 17. Jahrhundert wurde die ukrainisch-orthodoxe Kirche ("Kiewer Metropolie") unter die Jurisdiktion Moskaus gestellt. Über Jahrhunderte hatte die ukrainische Orthodoxie um Autokephalie, also Unabhängigkeit, gekämpft.

Hier nicht auszulassen ist die Verbindung ukrainischer Identität mit der Kirche. Bereits im 15. Jahrhundert wurde die Kirche identitätsstiftend für die damaligen "Ruthenen", den Vorfahren der Ukrainer:innen, eine ostslawische Bevölkerungsgruppe, die in den Regionen der heutigen Ukraine und Belarus lebte. Die Identitätsbildung der Ruthenen erfolgte besonders im Angesicht polnischer Herrschaft, denn zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert fielen große Teile der heutigen Ukraine unter polnisch-litauische Herrschaft. In den folgenden Jahrhunderten entstand eine spezifisch ukrainische religiöse und kulturelle Synthese aus byzantinischen Traditionen, orthodoxer slawischer Kultur, dem Erbe der Kiewer Rus, lokalen Bräuchen und westlichen Einflüssen. Ein Kaleidoskop ukrainischer Geschichte, zwischen Polen, dem Russischen Reich, Österreich-Ungarn, später der Sowjetunion – sehr, sehr vielfältig (Plokhy, Sysyn 2003).

Ruthenen ist ein historischer Sammelbegriff für die ostslawischen Bevölkerungsgruppen, die vor allem im Gebiet der heutigen Ukraine, Belarus und der Karpatenregion lebten. Sie entstammten der Kiewer Rus, einem mittelalterlichen Herrschaftsgebiet (9.–13. Jahrhundert), das als gemeinsamer kultureller und politischer Ursprung der ostslawischen Völker gilt.

Der Begriff wurde hauptsächlich vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert verwendet, besonders von dem Habsburgerreich und Polen-Litauen, um die dortigen Slawen zu bezeichnen. Die Ruthenen waren keine einheitliche Gruppe, sondern umfassten verschiedene verwandte Bevölkerungen, die eine gemeinsame slawische Sprache und Kultur teilten.

Um alles noch spannender zu machen, gibt es in der Ukraine auch eine katholische Kirche: die ukrainische griechisch-katholische Kirche, die Teil der katholischen Kirche ist, in ihren religiösen Zeremonien aber byzantinischen Riten folgt.

Anne Applebaum, Roter Hunger: Stalins Krieg gegen die Ukraine.
Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine.
Kerstin S. Jobst, Geschichte der Ukraine.
Serhii Plokhy, Die Geschichte der Ukraine.

Und heute?

Zurück ins 21. Jahrhundert. Die Debatte über ein Verbot der Kirche unter Onufrij ist komplex, Religions- und Rechtsgelehrte warnen vor rechtlichen Herausforderungen. Laut dem ukrainischen Sicherheitsdienst wurden mehrere Priester wegen Weitergabe militärischer Informationen an die russischen Streitkräfte festgenommen, als auch Literatur, die die Propaganda des "Russkij Mir" (dt. „Russische Welt“) verbreitet, in Klöstern gefunden. "Russkij Mir" ist eine Ideologie, die eine kulturelle Totalität des Russischen beansprucht und zentral für die imperialistische Außenpolitik Russlands ist. Der Ukraine und Belarus wird dabei eine Eigenständigkeit gegenüber der Kultur Russlands abgesprochen.

Im Sommer 2024 verabschiedete das ukrainische Parlament ein Gesetz, das die Aktivitäten religiöser Organisationen untersagt, die mit Russland verbunden sind, ein Gesetz, das primär auf die ukrainisch-orthodoxe Kirche abzielt.

International gibt es Kritik: Human Rights Watch warnt, das Gesetz gegen Religionsgemeinschaften mit vermuteten Verbindungen zur Russisch-Orthodoxen Kirche sei „übermäßig breit formuliert“ und könne „weitreichende Konsequenzen für das Recht auf Religionsfreiheit der Ukrainer“ haben. Legitime Sicherheitsinteressen rechtfertigten keine pauschalen Maßnahmen gegen ganze Glaubensgemeinschaften.

Im Juli 2025 entzog Präsident Selenskyj Metropolit Onufrij sogar die ukrainische Staatsbürgerschaft. Dem ukrainischen Gehemeindienst nach, soll Onufrij die russische Staatsbürgerschaft angenommen haben und weiterhin Kontakte nach Moskau pflegen. Onufrij, der sich in der Vergangenheit mehrmals gegen den Krieg aussprach, bestreitet dies.

Die Kirche kann jedoch nicht per se verboten werden: Es müssten die einzelnen rund 10.000 Kirchengemeinden gesondert durch Gerichte geprüft und entschieden werden. Gemeinden könnten diesem Verbot aber mit einem Übertritt zur OKU entgehen, und das ist wohl auch das Ziel der Regierung, dass die ehemals moskaunahen Gemeinden sich der 2019 vereinten OKU anschließen.

Andriy Mykhaleyko. (2020, Februar). The New Independent Orthodox Church in
   Ukraine. Südosteuropa. Journal of Politics and Society, 67(4), 476–499.
Nicholas E. Denysenko. (2014, September). Chaos in Ukraine: The churches and the
   search for leadership. International Journal for the Study of the Christian Church, 14(3),
   242–259.
Serhii Plokhy & Frank E. Sysyn. (2003). Religion and Nation in Modern Ukraine
   (Paperback).

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