Genetik und Sucht

Bei unserem Thema „Exzess“ kommt vielen Leser:innen wohl zuerst die Sucht in den Sinn. Doch warum werden manche Menschen im Laufe ihres Lebens abhängig von bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen? Ist es, wie so oft erklärt, der „falsche“ Freundeskreis? Welche Rolle spielen unsere Gene hierbei?
alexandria hat für dich 5 Fakten zur genetischen Prädisposition für Sucht zusammengetragen.

Den gesamten Juli widmen wir uns dem Themenschwerpunkt "Exzess". Mehr darüber, warum gerade Exzess ein spannendes Thema für die Wissenschaft ist, erfährst du hier.

Fakt 1: Sucht funktioniert über unser
Belohnungssystem

Das dopaminerge System wird als führendes System in der Entwicklung einer Sucht angesehen, da es eine entscheidende Rolle im Motivations- und Belohnungssystem unseres Gehirns spielt. Bei der Aktivierung des Belohnungszentrums unseres Gehirns durch z.B. Substanzen wie Alkohol, Kokain, MDMA, aber auch durch bestimmte Verhaltensweisen wie Einkaufen, Teilnahme an Glücksspielen oder Konsum von Pornographie wird vermehrt Dopamin ausgeschüttet.

Sowohl Ratten in Tierversuchen als auch Menschen verlangen mit der Zeit nach immer mehr Dopamin, sodass das Suchtverhalten fortgeführt wird. Derzeit gehen einige Wissenschaftler:innen davon aus, dass es bei Sucht zu einer hypo-dopaminergen Dysfunktion im Belohnungskreislauf kommt.

Aufgrund des Entzuges von der Sucht, egal ob es sich um eine Substanz oder Verhaltensweise handelt, leidet das Gehirn plötzlich an einem relativen Dopaminmangel, nachdem zuvor immer mehr Dopamin ausgeschüttet wurde. Dies führt zu Antriebsarmut, Depressionen und auch körperlichen Symptomen. Zur Behandlung der Sucht versucht man daher oftmals das Gleichgewicht an Dopamin wieder herzustellen. (Popescu et al, 2021)

Fakt 2: Unsere Gene beeinflussen unsere
Rezeptoren im Gehirn

Alle Neurotransmitter in unserem Gehirn binden an bestimmte Rezeptoren. Die Rezeptorendichte und somit Auswirkung der Neurotransmitter werden zunächst von unseren Genen bestimmt.

Im Folgenden finden sich einige Neurotransmitter, die zahlreiche Funktionen in unserem Körper haben und bedeutend für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Süchten sind.

5-HT – Rezeptoren, an die Serotonin (auch bekannt als Glückshormon) bindet, werden mit Sucht in Verbindung gebracht. Die Wissenschaft geht derzeit davon aus, dass die serotonerge Antwort anders ausfällt, je nachdem, ob eine Substanz zum ersten Mal oder bereits chronisch konsumiert wird. So kommt es bei der Einnahme von Substanzen oftmals zu einem starken Serotonin-Anstieg, welcher mit einem erhöhten Glücksgefühl einhergeht, während bei Abstinenz eine Hypoaktivität des serotonergen Systems zur Dysphorie führt. (Popescu et al, 2021)

Der Neurotransmitter Glutamat ist relevant für die synaptische Plastizität unseres Gehirns und somit für die Kognition, das Lernen und unser Gedächtnis. Chronischer Konsum von Drogen ist verantwortlich für eine Veränderung des glutamatergen Systems, sodass das Gehirn mit der Zeit verstärkt auf die Substanzen reagiert. (Popescu et al, 2021)

Neben den bisher genannten spielen auch die Neurotransmitter Acetylcholin, GABA (Gamma- Amino-Buttersäure) und endogene Opioide eine wichtige Rolle bei der Entwicklung bzw. dem Aufrechterhalten von Sucht.

Glücksspiel ist auch Sucht

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Fakt 3: Manche Menschen sind aufgrund der Genetik anfälliger für Sucht, ander weniger

Es wurden sowohl Gene nachgewiesen, welche zur Möglichkeit einer generellen Entwicklung von Sucht beitragen, als auch einzelne Gene, welche sehr spezifisch für eine gewisse Substanz oder Form der Sucht sind.

So konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass die Gene auf dem Chromosom 15q25 und 8p11, welche für den Acetylcholinrezeptor, an den Nikotin bindet, codieren, direkt mit der Häufigkeit an Raucher:innen zusammenhängen. (Hancock et al., 2019)

Solche identifizierten Gene gibt es für zahlreiche Substanzen. Das bedeutet, dass manche Personen aufgrund ihrer Genetik generell anfälliger für Süchte oder für die Abhängigkeit für bestimmte Substanzen sind.

Allerdings gibt es auch genetische Variationen, die Menschen gegen Suchterkrankungen resistenter machen. So wird Alkohol in unserem Körper zunächst zu Acetaldehyd und dann zu Acetat umgebaut. Bei einer Variante eines bestimmten Gens kommt es nach Alkoholaufnahme zu einer bis zu 100-fach schnelleren Metabolisation des Ethanols zu Acetaldehyd, was zu einer Unverträglichkeit führt. Die Symptome sind gerötetes Gesicht, Schwitzen und Herzrasen. Gleichzeitig ist die Empfänglichkeit zur Entwicklung einer Alkoholsucht durch diese Genvarianz stark minimiert. (Hancock et al., 2019)

Fakt 4: Sucht führt zu neuroplastischen
Veränderungen im Gehirn

Tägliche Geschehnisse haben einen Einfluss auf die Rezeptordichte in unserem Gehirn. Hierzu zählt auch der Konsum von bestimmten Substanzen oder manche Verhaltensweisen. So führt beispielsweise regelmäßiger Alkohol- oder Handykonsum zu einer vermehrten Dopaminaktivität, welche jedoch eine Verstärkung des wiederholten Konsums bedingt. Bei einer erneuten Verminderung der Dopaminaktivität kann es zu Entzugserscheinungen kommen.

Ein längerer Nikotinkonsum geht mit einer Änderung der Sensitivität für Dopamin einher. Außerdem kommt es in den ersten zehn Sekunden nach Inhalation des Nikotins zu einem „endorphin high“, welcher zu häufigen Rückfällen und cravings (starkes Verlangen) beiträgt.

Auch alle weiteren Substanzen, wie Halluzinogene, Sedativa, Stimulantien oder THC beeinflussen direkt bestimmte Feedbackmechanismen, welche allesamt im Laufe der Zeit zu Toleranzentwicklung, Gewöhnung und Abhängigkeit führen.

Fakt 5: Unsere Gene tragen dazu bei, dass wir von einer Sucht nicht mehr loskommen

Sucht ist ein Ergebnis aus genetischen und Umwelt-Faktoren. Zwillingsstudien haben ergeben, dass die Heriabilität (der Anteil einer sichtbaren Ausprägung, welcher genetisch bestimmt ist) zur Sucht in der Population von 40 bis 70 Prozent reicht.

Man geht davon aus, dass der Beginn des Drogenkonsums von Umweltfaktoren wie Freundeskreis oder Erziehung abhängig ist, während die Fortführung des Konsums vermehrt mit genetischen Einflüssen zusammenhängt. (Buchanan & Lovallo , 2019).

Frühe Stressoren in der Kindheit können die Expression von Genen epigenetisch verändern und so beeinflussen, wie Gehirnmechanismen im weiteren Leben auf Stress reagieren (Buchanan & Lovallo, 2019).

Dies könnte erklären, weshalb Personen mit frühkindlichen Traumen vulnerabler für neuroplastische Veränderungen durch Drogen und Süchte sind, sodass sie eher abhängig werden. (Popescu et al, 2021)

Buchanan, T.W., & Lovallo, W.R. (2019). The role of genetics in stress effects on health and
     addiction. Curr Opin Psychol., 6(27), 72–76.
Hancock et al. (2019). Human Genetics of Addiction: New Insights and Future
     Directions. Curr Psychiatry Rep. 20(2), 8.
Popescu, A et al. (2021). Understanding the genetics and neurobiological pathways behind
     addiction (Review). Experimental and Therapeutic Medicine 21, 544.

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