Bücher hinter einem Absperrband

Wie wird Literatur eingeordnet – und wer entscheidet über ihren Wert? Ein Blick auf Genres, Gattungen und die Hierarchien zwischen „hoher“ und populärer Literatur.

In der Germanistik spielt das Thema „Grenzen“ in vielfacher Hinsicht eine Rolle. Disziplinär wird zwischen Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache unterschieden. Literaturhistorisch gibt es Epochen, die zeitlich begrenzt sind. Systematisch werden Texte nach Form und Darstellungsweise unterschieden – etwa in Gattungen, Genres oder Textsorten. Begriffe, die im Alltag oft synonym verwendet werden, in der Theorie jedoch unterschiedlich definiert sind. Sie verweisen jeweils auf unterschiedliche Formen der Einteilung und markieren damit verschiedene Arten literarischer Grenzziehung.

Solche Einteilungen wirken selbstverständlich – als wären sie natürliche Ordnungssysteme. Doch bei genauerem Hinsehen sind diese Grenzen keine festen Mauern, sondern historisch gewachsene Unterscheidungen. Und sie prägen nicht nur wissenschaftliche Diskussionen, sondern auch unseren alltäglichen Blick auf Literatur.

Wie entstehen literarische Grenzziehungen? Welche Funktion erfüllen Begriffe wie Genre, Gattung oder Textsorte? Und warum werden manche Einteilungen zu Werturteilen?
Wer verstehen will, wie Literatur funktioniert, muss verstehen, wie ihre Grenzen gezogen werden.

Begriffe der Abgrenzung

Genre“ dient heute als Sammelbegriff für unterschiedliche Arten künstlerischer Gestaltung – in der Literatur ebenso wie in Musik oder Film. In der Literaturwissenschaft meint das Genre die „[h]istorische Gruppenbildung von Texten“ (Lamping, 2007, S. 704). „Historisch“ bedeutet hier nicht einfach aus der Vergangenheit, sondern: Genres entstehen im Lauf der Zeit. Sie bilden sich heraus, weil Autor:innen bestimmte Muster weiterführen und Leser:innen sie wiedererkennen. Ein Genre kann im Laufe der Zeit wieder verschwinden – so wie das bürgerliche Trauerspiel im 18. Jahrhundert verbreitet war, aber heute kaum noch als eigenständige Form existiert. Andere Genres, zum Beispiel der Kriminalroman, bestehen hingegen bis heute fort und entwickeln sich stetig weiter.

Frau mit gedankenblasen in denen Begriffe wie Genre, Textsorte oder Gattung stehen

Genre, Gattung, Textsorte – Begriffe, die Ordnung schaffen sollen und doch Fragen aufwerfen.

Demgegenüber wird unter dem Begriff „Gattung“ etwas anderes verstanden: In der Gattungstheorie ist es ein „Begriff für Textgruppenbildung unterschiedlichen Allgemeinheitsgrades, die diachron und synchron in Opposition zueinander stehen“ (Hempfer, 2007, S. 651). Diachron meint eine Betrachtungsweise über die Zeit hinweg und synchron das Nebeneinander verschiedener Textgruppen innerhalb derselben Zeit – etwa wenn Lyrik, Roman und Drama gleichzeitig existieren und sich voneinander unterscheiden. Gattung ist der allgemeinere Ordnungsbegriff, Genre die historisch konkrete Ausprägung – oder weniger theoretisch: Gattung ist das Regal, Genre das Fach, in dem das Buch tatsächlich steht.

Im Unterschied zur Gattung und zum Genre umfasst der Begriff „Textsorte“ nicht nur literarische, sondern auch nichtliterarische Werke. So zählen neben Roman oder Gedicht auch Gebrauchstexte wie Zeitungsartikel, Bewerbungen oder Bedienungsanleitungen zu unterschiedlichen Textsorten (Fricke & Stuck, 2007). Für sie spielt es demnach keine Rolle, ob ein Text Literaturgeschichte schreibt oder nur den Backofen erklärt.

Die Macht literarischer Grenzen

Wo Grenzen gezogen werden, entstehen nicht nur Kategorien, sondern auch Hierarchien – etwa zwischen sogenannter „hoher“ Literatur und populären Genres. Bereits im 18. Jahrhundert begann die Debatte um die Legitimität bestimmter Lektüren: Während nützliche und bildende Texte akzeptiert waren, geriet insbesondere die belletristische Literatur unter Verruf. Romanlektüre wurde als Zeitverschwendung, als moralisches Risiko und als Symptom von Müßiggang und gesellschaftlichem Verfall interpretiert (Paul, 2010).

Seitdem ist Literatur immer stärker bewertet und hierarchisiert worden. Was als besonders originell und künstlerisch anspruchsvoll gilt, wird zur „hohen“ Literatur erklärt – alles andere, vor allem Unterhaltungsliteratur, gerät schnell in den Ruf des Trivialen (Nusser, 2007).

Zwischen rotem Teppich und Wühltisch: Literarische Wertungen sind selten neutral.

Zwischen rotem Teppich und Wühltisch: Literarische Wertungen sind selten neutral.

Ein Kanon ist die Auswahl von Werken, die als besonders wertvoll und repräsentativ gelten. Diese Auswahl entsteht durch kulturelle und institutionelle Prozesse und kann sich im Laufe der Zeit verändern.

Doch wer entscheidet nun, was als ‚trivial‘ gilt und was nicht? Maßgeblich sind Literaturkritik, Wissenschaft und Feuilleton. Sie setzen Maßstäbe dafür, was als künstlerisch anspruchsvoll gilt – etwa Originalität, Komplexität oder Mehrdeutigkeit. Ob ein Text als ‚trivial‘ wahrgenommen wird, hängt daher nicht nur von seinen Merkmalen ab (zum Beispiel einfache Sprache, schematische Handlung, stereotype Figuren, klare Gut-Böse-Struktur, Happy End, starke Emotionalisierung), sondern auch davon, welche ästhetischen Ideale gerade dominieren und in welchem Kontext er gelesen wird. Ein Fantasyroman, der die Bestsellerlisten anführt, wird im Feuilleton möglicherweise als reine Unterhaltung abgetan. Im Kontext einer wissenschaftlichen Analyse können jedoch plötzlich Themen wie Macht, Identität oder Gesellschaftskritik im Mittelpunkt stehen. Oder: Werke, die zu ihrer Erscheinungszeit als bloße Unterhaltung galten, werden später mitunter neu bewertet – wie zum Beispiel „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe aus dem Jahr 1719. Was zunächst als trivial abgetan wurde, kann im Rückblick als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen oder literarischer Innovation erscheinen.

Literatur zwischen Kanon und Klickzahlen

Grenzen in der Literatur strukturieren demnach nicht nur nach Genre, Gattung und Textsorte – sie strukturieren auch in ihrer Wertung. Heutzutage verdeutlicht sich das etwa in der Kluft zwischen Universität und Social Media: Während auf TikTok beziehungsweise BookTok unzählige Influencer:innen vor allem Genres wie Fantasy, Dark Romance oder New Adult diskutieren, rezensieren und feiern, blendet die universitäre Lehre im Fach Germanistik diese Formen populärer Literatur größtenteils aus. In Seminaren zur Gegenwartsliteratur stehen stattdessen häufig Autor:innen im Mittelpunkt, die bereits im literarischen Feuilleton etabliert sind oder für bedeutende Literaturpreise nominiert wurden.

Aber wer verstehen will, wie Literatur heute wirkt, muss auch die Texte berücksichtigen, die heute gelesen werden. Die Maßstäbe dafür, was als „wertvoll“ gilt, entstehen nicht isoliert, sondern in einem Zusammenspiel von Universität, Literaturkritik und Feuilleton. Gerade weil diese Instanzen häufig ähnliche ästhetische Kriterien teilen, geraten populäre Genres wie Fantasy oder New Adult oft an den Rand. Grenzen strukturieren Literatur – vielleicht lohnt es sich daher, diese Linien nicht als feststehend zu betrachten, sondern als verhandelbar.

Fricke, H., & Stuck, E. (2007). Textsorte. In J.-D. Müller (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte (Bd. 3: P–Z, S. 612–615). De Gruyter.

Hempfer, K. (2007). Gattung. In K. Weimar (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte (Bd. 1: A–G, S. 651–655). De Gruyter.


Lamping, D. (2007). Genre. In K. Weimar (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte (Bd. 1: A–G, S. 704–705). De Gruyter.

Nusser, P. (2007). Trivialliteratur. In J.-D. Müller (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte (Bd. 3: P–Z, S. 691–695). De Gruyter.

Meier, A. (Zugriff: 27.2.2026). Literarische Wertung – literarischer Kanon. Literaturwissenschaft online.https://www.litwiss-online.uni-kiel.de/grundkurs/grundkurs-literaturwissenschaft/grundkurs-kanon/#toggle-id-1-closed

Paul, L. (Zugriff:27.2.2026). Lesewut, Lesesucht und gefährliche Romane. Debatten um das Lesen im 18. Jahrhundert. Lesen in Deutschland. https://www.lesen-in-deutschland.de/journal/lesewut-lesesucht-und-gefaehrliche-romane-987

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