Lobotomie: Eispickel durch Auge in Gehirn

Ein Schnitt im Gehirn sollte früher psychische Erkrankungen heilen - stattdessen hinterließ die Lobotomie bleibende Schäden. Vor allem Frauen wurden damals Opfer dieser grausamen Methode. Die öffentliche Aufarbeitung der medizinischen Vergehen bleibt bis heute unvollständig.

Kurz vor dem Eingriff bekommt Alice Hammat panische Angst. Die geplante Operation am Hirn soll die schweren Depressionen der 63-Jährigen lindern; womöglich ihre Schlaflosigkeit heilen und ihr die Ängste nehmen. Doch dafür müssten ihr die fremden Ärzte die Locken abrasieren und das will sie nicht. Die beiden Mediziner versprechen Alice also, dass sie die Haare beim Eingriff verschonen. Dann willigt die Frau doch ein.

Nach der OP scheint Alice‘ Furcht verflogen, sie wirkt ruhig und teilnahmslos. Die Haare sind der Frau nicht mehr wichtig – auch wenn die Ärzte gelogen hatten. Die Locken hatten sie abrasiert und Löcher vorne in Alice Schädel gebohrt. Dann waren sie mit einem dünnen Metallstab in ihr Gehirn eingedrungen. Alice Hammatt sollte 1936 das erste Lobotomie-Opfer von rund 40.000 allein in den USA gewesen sein (Johnson, 2015).

Wie wurde eine Lobotomie durchgeführt?

Lobotomie (vom Altgriechischen lobós = Lappen, und tomé = schneiden) oder auch Leukotomie bezeichnet einen Mitte des 20. Jahrhunderts üblichen hirnchirurgischen Eingriff, bei der die Verbindungen zwischen Thalamus und Frontallappen im Gehirn durchtrennt werden. Bei der Behandlung führte man ein dünnes Werkzeug, das Leukotom, in die vorderste Hirnpartie ein – anfangs noch durch gebohrte Löcher in der Schädeldecke, bei späteren Eingriffen dann durch die Augenhöhle. Dort bewegte, drehte und schwenkte man das Werkzeug zur Durchtrennung der Nervenbahnen.

Lobotomie: Eispickel über Auge im Gehirn

Eine Lobotomie wurde durchgeführt, indem das Werkzeug namens Leukotom entweder durch gebohrte Löcher oder durch die Augenhöhle eingeführt wurde.*

Man glaubte, dadurch psychische Erkrankungen wie schwere Depressionen, Psychosen oder Schizophrenie und allgemein sozial unerwünschtes Verhalten heilen zu können. Aufzeichnungen belegen auch einige Fälle zur Behandlung von körperlichen Leiden, wie Schmerzen durch Tumore oder Geschwüre. 

Heute weiß die Wissenschaft, dass sich dieser Eingriff in keinem Fall zur Heilung psychischer Krankheiten eignet und irreversible Schäden im menschlichen Gehirn anrichtet. International wurden auf diese Art hunderttausende Menschen verstümmelt. Die genaue Opferzahl ist nicht bekannt (Terrier et al., 2019; Caruso & Sheehan, 2017; Tone & Koziol, 2018).

Der Glaube vom emotionalen Denken

Die grausame Methode geht auf den portugiesischen Chirurgen António Egas Moniz zurück. Bei einem neurochirurgischen Kongress 1935 in London hatte er einen Vortrag über Schimpansen gesehen, die nach einem Eingriff ins Gehirn ruhiger und weniger ängstlich wirkten. Die OP schien ihre intellektuellen Fähigkeiten nicht zu beeinträchtigen. Obwohl seine Kollegen von der Idee schockiert waren, wollte Moniz den Eingriff auch an Menschen mit psychischen Belastungen erproben. Er testete die Leukotomie an etwa 20 Patient:innen in Europa und war letztendlich vom Erfolg der Methode überzeugt. Die Behandelten wirkten danach ruhiger und kooperativer.

Die Praxis verbreitete sich darauf schon bald in der westlichen Welt. Ein Jahr nach dem Kongress waren es der Neurologe Walter Freeman und der Neurochirurg James W. Watts, die Alice Hammatt dem schrecklichen Eingriff unterzogen und Moniz‘ Idee später weiterentwickelten (Terrier et al., 2019; Tan & Yip, 2014).

Die Ärzte vertraten damals die Theorie, dass das Denken psychisch kranker Menschen zu stark vom Thalamus beeinflusst sei. Heute wissen wir, dass der Thalamus, der größte Teil des Zwischenhirns, für das Filtern unserer Sinneseindrücke (mit der Ausnahme von Gerüchen) verantwortlich ist. Es sendet Reizinformationen vom Hören, Sehen oder Fühlen an die Großhirnrinde weiter und sortiert unwichtige Reize aus, um das Gehirn nicht zu überlasten. Damals dachte man jedoch, der Thalamus sei für die Aufladung der Gedanken mit unterschiedlichen Gefühlen verantwortlich. Zu starke Einwirkung des Thalamus sei daher für ‘überemotionales’ Denken und somit für Depressionen oder andere psychische Krankheiten verantwortlich. Sie glaubten, man müsse den Thalamus durch Lobotomie von den anderen Hirnregionen trennen und dadurch seinen Einfluss einschränken.

Die Vertreter der Lobotomie unterstellten auch ihren Kritikern, dass diese nicht rational, sondern „mit dem Thalamus“ dachten. Gegenstimmen konnte man damit leicht diskreditieren (Terrier et al., 2019).

Thalamus im Gehirn, der bei Lobotomie behandelt wurde

Früher gab es die Theorie, das Denken von psychisch kranken Menschen wäre zu stark vom Thalamus beeinflusst – heute wissen wir, dass das flasch ist.*

Bleibende Schäden

Durch die Lobotomie werden jene Hirnnetzwerke beschädigt, die bei der Entscheidungsfindung, bei der Impulskontrolle, beim Antrieb und selbständigem Handeln sowie bei der Gefühlsverarbeitung mitwirken. Was also von außen wie Gelassenheit wirkt, ist in Wirklichkeit eine Beeinträchtigung dieser Hirnfunktionen und Fähigkeiten. Die Betroffenen können ohne Aufforderung kaum von sich aus Handlungen setzen. Ihre Persönlichkeit ist unwiderruflich verändert. Gefühle – gute wie schlechte – werden weniger intensiv erlebt oder ausgedrückt. Weniger sichtbare Unruhe nach der Lobotomie bedeutet auch nicht, dass die psychischen Erkrankungen geheilt sind. Die Betroffenen können lediglich weniger auf die Symptome reagieren (Levy & Dubois, 2006).

Viele Opfer, wie etwa Rosemary Kennedy, die Schwester des US-amerikansichen Präsidenten J.F. Kennedy, waren nach dem Eingriff nicht mehr allein lebensfähig. Ihr Vater veranlasste 1941 die Lobotomie bei der erst 23-jährigen Rosemary, um unter anderem ihren Sexualtrieb einzuschränken. Als streng christliche Familie fürchteten die Kennedys, sonst ihren Ruf zu verlieren. Nach der OP war die junge Frau nie wieder dieselbe, sie konnte kaum noch sprechen oder gehen und wurde inkontinent.

Für nicht wenige Patient:innen endete eine Lobotomie auch tödlich. Ein psychiatrisches Krankenhaus in Schweden etwa notierte, dass im Durchschnitt jede:r vierzehnte Betroffene an den Folgen der Operation starb. Im Jahre 1949 war es sogar ungefähr jede:r sechste Patient:in. Viele der Schäden und Risiken von Lobotomien waren den behandelnden Ärzten bekannt, doch man betrachtete sie insgesamt gegenüber den ‘Vorteilen’ als hinnehmbar (Ögren & Sandlund, 2007).

Trotz alledem erhielt António Egas Moniz 1949 für seine „Entdeckung des therapeutischen Werts der Leukotomie (Lobotomie) bei bestimmten Psychosen“ den Nobelpreis für Medizin.

Von „Hysterie“ zur Gefügigkeit

In den 1930er- und 1940er-Jahren waren psychiatrische Anstalten überfüllt und ihr Personal überlastet. Denn eingeliefert wurden nicht bloß Menschen mit psychischen Erkrankungen, sondern auch ältere, pflegebedürftige Menschen oder Personen mit bestimmten körperlichen Beschwerden. Oft wusste man den aufgenommenen Menschen nicht zu helfen, sie blieben in vielen Fällen ihr ganzes Leben, während gleichzeitig neue Patient:innen nachkamen. In der Lobotomie sah man eine Möglichkeit, die Menschen rasch zu heilen und so die Kliniken zu entlasten (Terrier et al., 2019).

Neurologe Walter Freeman reiste deshalb durch die Vereinigten Staaten, um in unterschiedlichen Spitälern Lobotomien durchzuführen. Häufig tat er das sogar ohne Gegenleistung, um dem Personal die Methode, von der er so überzeugt war, beizubringen. Auf diese Art verstümmelte er mehrere tausend Personen in 23 US-Staaten. Er nutzte dafür auch nicht immer professionelle Instrumente, sondern zeitweise einen herkömmlichen Eispickel. Auch eine chirurgische Ausbildung hatte Freeman nicht (Caruso & Sheehan, 2017).

Obwohl der Großteil der eingelieferten Patient:innen in psychiatrischen Anstalten Männer waren, wurden überproportional viele Lobotomien an Frauen durchgeführt. Bis zum Jahr 1942 waren rund 75 Prozent der Lobotomie-Opfer von Freeman und Watts weiblich.

Betroffene von Lobotomie

Ein Opfer der Lobotomie.*

Obwohl der Großteil der eingelieferten Patient:innen in psychiatrischen Anstalten Männer waren, wurden überproportional viele Lobotomien an Frauen durchgeführt. Bis zum Jahr 1942 waren rund 75 Prozent der Lobotomie-Opfer von Freeman und Watts weiblich.

Die gesellschaftliche Erwartung an eine Frau war es gehorsam, zurückhaltend und kooperativ zu sein. Die psychische Schwelle, die einen Eingriff in den Augen der Ärzte rechtfertigte, war deshalb bei Frauen viel niedriger als bei Männern angesetzt. Männer wurden vor allem bei schwerwiegenden Symptomen operiert, etwa nach Suizidversuchen oder wenn sie eine Gefahr für ihr Umfeld darstellten. Bei Frauen reichte schon Schlaflosigkeit, die “Angst vorm Altern” oder “häusliche Unangepasstheit” aus - damit war etwa das Vernachlässigen des Haushalts oder Streit mit dem Ehegatten gemeint. Als rechtfertigender Grund für eine Lobotomie galt bei Frauen auch gesellschaftliche Nonkonformität; wenn sie gegen “die guten Sitten” verstieß, indem sie etwa viel rauchte, trank oder eine Affäre hatte. Körperliche und psychische Beschwerden vieler Frauen wurden als “Hysterie” abgetan, als überemotionale Übertreibung, die es durch Lobotomie zu heilen galt (Tone & Koziol, 2018).

Die weiblichen Opfer hatten nach der Verstümmelung kaum noch eigene Willenskraft und konnten ihre Gefühle nicht mehr auf dieselbe Weise ausdrücken. Sie wirkten seelen- und charakterlos, doch viele Ehemänner begrüßten diese stumme Fügsamkeit. Der ‘Erfolg’ der Prozedur wurde schließlich nicht von den nun wehrlosen Opfern, sondern von ihren Ärzten und Ehemännern definiert (Tone & Koziol, 2018; Terrier et al., 2019).

Fehlende Aufarbeitung der Lobotomie

Mit der zunehmenden Verbreitung von Psychopharmaka verlor die Lobotomie ab den 1950er Jahren an Bedeutung. Medikamente einzunehmen war weniger invasiv und mit geringeren gesundheitlichen Folgen und ethischen Bedenken verbunden als ein Eingriff am Gehirn. Nicht überall verschwand die grausame Maßnahme jedoch gleich schnell. In Großbritannien wurden Lobotomien bis in die späten 70er verzeichnet, der letzte Eingriff Dänemarks fand 1983 in Kopenhagen statt.

Studien in Skandinavien zeichneten die Verantwortung der Gesundheitsinstitutionen nach. Trotz zahlreicher Todesfälle griff etwa in Schweden das zuständige Ärtze- und Pflegepersonal kaum ein. Das Parlament in Norwegen beschloss 1996 eine finanzielle Entschädigung aller Opfer.

In den vergangenen Jahrzehnten engagierten sich in den USA Betroffene und deren Angehörige sowie Mitglieder des Repräsentantenhauses für die Aufarbeitung rund um die Lobotomie sowie für die Entschädigung der Überlebenden und ihrer Angehörigen. Der US-Staat hat das Unrecht, das den Betroffenen angetan wurde, bisher aber weder finanziell noch formell anerkannt. Es ist unklar, ob und wie viele Opfer heute noch am Leben sind, die man entschädigen könnte.

Auch António Egas Moniz wurde der Medizinnobelpreis trotz Protesten nicht aberkannt.
Bei medizinischen Behandlungen werden Frauen bis heute überdurchschnittlich oft nicht ernst genommen. Körperliche Beschwerden werden immer wieder als psychische Probleme abgetan. So verwehrt die Medizin Frauen bis heute oft wichtige Versorgung. Die Aufarbeitung der grausamen Praktiken in der Vergangenheit ist auch notwendig, um die Sensibilität für würdevolle Behandlung heute zu schärfen.

*Disclaimer:
Die Illustrationen für diesen Beitrag wurden mit KI erstellt. Wir sind auf der Suche nach eine:r neuen Illustrator:in. Bewirb dich unter: kontakt@alexandria-magazin.at.

Dokumentarfilm The Lobotomist (2008):
https://www.youtube.com/watch?v=2Qr_I_w_120

Erfahrungsbericht eines Betroffenen, The Guardian (2020):
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2020/nov/27/experience-i-had-a-lobotomy

Podcast Episode über ein zwölfjähriges Opfer, Story Corps (2025):
https://storycorps.org/podcast/special-remembering-howard-dully-of-my-lobotomy/

Caruso, J. P. & Sheehan, J. P. (2017). Psychosurgery, ethics, and media: A history of Walter 
   Freeman and the lobotomy. Neurosurgical Focus, 43(3), E6. 
   https://doi.org/10.3171/2017.6.FOCUS17257
Johnson, J. M. (2015). American lobotomy: A rhetorical history. University of Michigan 
   Press.
Levy, R. & Dubois, B. (2006). Apathy and the functional anatomy of the prefrontal cortex-
   basal ganglia circuits. Cerebral Cortex, 16(7), 916–928. https://doi.org/10.1093/cercor/
   bhj043
Ögren, K. & Sandlund, M. (2007). Lobotomy at a state mental hospital in Sweden: A 
   survey of patients operated on during the period 1947–1958. Nordic Journal of 
   Psychiatry, 61(5), 355–362. https://doi.org/10.1080/08039480701643498
Tan, S. Y. & Yip, A. (2014). António Egas Moniz (1874–1955): Lobotomy pioneer and 
   Nobel laureate. Singapore Medical Journal, 55(4), 175–176. 
   https://doi.org/10.11622/smedj.2014048
Terrier, L.-M., Lévêque, M. & Amelot, A. (2019). Brain lobotomy: A historical and moral 
   dilemma with no alternative? World Neurosurgery. 
   https://doi.org/10.1016/j.wneu.2019.08.254
Tone, A. & Koziol, M. (2018). (F)ailing women in psychiatry: Lessons from a painful past. 
   CMAJ, 190(20), E624–E625. https://doi.org/10.1503/cmaj.171277

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