In der Wahrnehmungsforschung zeigt sich: Der Mensch hat tendenziell eine Vorliebe für Symmetrie. So bevorzugen wir beispielsweise bei abstrakten Formen und Gesichtern häufig symmetrische Varianten. Bei Landschaften finden wir hingegen die natürlichen, unregelmäßigen Formen oft schöner als künstlich symmetrisch veränderte Bilder (Bertamini et al., 2019). Ein möglicher Grund für unsere Präferenz für Symmetrie im Bezug auf einige Objekte könnte die Informationsverarbeitung im Gehirn von vielen Menschen sein (Ryan, 2018).
Eine besonders eindrucksvolle Form natürlicher Ordnung begegnet uns in Kristallen – beispielsweise in einer Schneeflocke oder in denen, die in Gesteinen stecken. Ihre Besonderheit liegt zunächst vor allem im Inneren: Atome, Ionen oder Moleküle sind in einer regelmäßigen, sich dreidimensional wiederholenden Struktur angeordnet. Diese “hochgradig geordnete” Struktur ist das charakteristische Merkmal eines Kristalls (Grotzinger & Jordan, 2017).
Zugegeben, diese Ordnung findet hauptsächlich auf atomarer Ebene statt und ist mit freiem Auge nicht zwangsläufig erkennbar. Unter den richtigen Bedingungen und mit genügend Zeit kann sie sich jedoch in beeindruckenden geometrischen Formen zeigen: Kochsalz (NaCl) und das Mineral Pyrit gehören beispielsweise zum kubischen Kristallsystem und können (fast) perfekte, beeindruckende Würfel ausbilden.

Ein kubischer Pyrit. ©Raimond Spekking / Wikimedia Commons
Unser Alltag zeigt: Wir sind von Kristallen fasziniert. Kinder bestaunen im Winter Schneeflocken, Verlobungsringe werden in ihrer luxuriösesten Form mit Diamanten bestückt und zahlreiche Museen widmen den faszinierenden Kristallen eigene Ausstellungen.
Ob wir Kristalle aufgrund ihrer Symmetrie so schön finden, lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig beantworten. Eines steht aber fest: Unter den richtigen Bedingungen können sie beeindruckende geometrische Formen ausbilden. In diesem Artikel erklären wir dir deshalb auf wissenschaftlicher Basis, wie du selbst einen besonders schönen Kristall züchten kannst. Hier findest du unsere Tipps.
1. Tipp Wähle das richtige Salz für die Kristallzucht
Nicht jedes Salz eignet sich gleich gut zur Kristallzüchtung. Wenn du nicht extra shoppen gehen willst, kannst du gewöhnliches Kochsalz (NaCl) verwenden. Allerdings hat sogenanntes Kaliumalaun (KAl(SO₄)₂ · 12 H₂O) deutliche Vorteile gegenüber üblichem Salz.
Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Löslichkeit der beiden Stoffe: Während sich die Löslichkeit von Alaun mit steigender Temperatur stark erhöht, verändert sie sich bei Kochsalz nur geringfügig. So lösen sich bei 20 °C ungefähr elf Gramm Alaun in 100 Gramm Wasser, bei 60 °C sind es bereits rund 54 Gramm. Bei Kochsalz steigt die entsprechende Menge im selben Temperaturbereich hingegen nur von etwa 36 auf 37 Gramm (IUPAC-NIST Solubility Data Series, n.d.; Bosetti & Mazzotti, 2020).
Das hat einen entscheidenden Vorteil: Du kannst relativ viel Alaun in heißem Wasser lösen. Beim Abkühlen kann eine große Menge des Alauns aber nicht mehr gelöst bleiben und muss zwangsläufig fest werden - beim Abkühlen kristallisiert das Alaun also aus. Das bedeutet zwar nicht unbedingt, dass Alaunkristalle grundsätzlich schneller wachsen als Salzkristalle, allerdings ist ihre Züchtung deutlich einfacher zu kontrollieren.
Für deinen ersten Versuch benötigst du etwa 100 Milliliter destilliertes Wasser und Kaliumalaun, das du beispielsweise in der Apotheke kaufen kannst. Erwärme das Wasser vorsichtig auf ungefähr 60 °C und gib das Alaun portionsweise unter ständigem Rühren hinzu. Das machst du so lang, bis es sich nicht mehr löst - also das Alaun am Boden des Gefäßes liegen bleibt. Nimm das Gefäß anschließend von der Wärmequelle. Vorsicht: Alaun ist zwar ungiftig für den Menschen, kann aber die Augen reizen.
2. Tipp: Achte auf sauberes Wasser und saubere Gefäße
Für einen möglichst klaren und regelmäßigen Kristall solltest du auf eine saubere Ausgangslösung achten. Verwende deshalb am besten destilliertes oder demineralisiertes Wasser und ein gründlich gereinigtes Glasgefäß. Auch das verwendete Alaun sollte möglichst rein sein.
Der Grund dafür liegt in der Kristallstruktur selbst: Während des Wachstums lagern sich gelöste Teilchen an der Oberfläche des Kristalls an. Dabei können unter bestimmten Bedingungen beispielsweise auch Fremdstoffe in das entstehende Kristallgitter eingebaut werden. Das kann die Entstehung regelmäßiger Kristallflächen beeinträchtigen. Je weniger unerwünschte Stoffe sich also in deiner Lösung befinden, desto besser sind die Voraussetzungen für einen schönen Kristall (Capellades et al., 2022).
3. Tipp: Züchte zunächst einen kleinen Impfkristall
Überlasse die Form und Größe deines Kristalls nicht vollständig dem Zufall - züchte stattdessen vorab einen kleinen Impfkristall. Gieße dafür einige Milliliter deiner gesättigten Lösung vorsichtig in eine flache Schale und lasse sie an einem ruhigen Ort stehen. Während das Wasser langsam verdunstet, sollten sich innerhalb einiger Tage kleine Kristalle bilden.
Betrachte diese am besten mit einer Lupe: Besonders gut eignet sich ein einzelner, transparenter Kristall mit scharfen Kanten und möglichst regelmäßiger Form. Verwende nicht mehrere zusammengewachsene Kristalle.
Dieser Impfkristall dient dir als Ausgangspunkt für dein weiteres Experiment. Seine bereits vorhandene Kristallstruktur bietet den gelösten Teilchen eine geordnete Oberfläche, an der sie sich anlagern können.
Was dadurch passiert? Dein Kristall übernimmt die Form des Impfkristalls, wird dadurch im Endeffekt also tendenziell regelmäßiger und vor allem auch größer.
4. Tipp: Vermeide eine zu starke Übersättigung
Eine übersättigte Lösung enthält mehr gelöste Substanz, als unter den jeweiligen Bedingungen eigentlich stabil gelöst bleiben kann. Das ist grundsätzlich notwendig, damit Kristalle entstehen und wachsen können. Allerdings gilt nicht unbedingt: Je stärker die Übersättigung, desto schöner das Ergebnis.
Ist die Übersättigung an Alaun zu hoch, können gleichzeitig zahlreiche neue Kristallisationskeime entstehen. Anstatt dass ein einzelner großer Kristall wächst, bilden sich dann viele kleine Kristalle, die miteinander um die gelösten Teilchen konkurrieren. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Keimbildungsrate mit zunehmender Übersättigung deutlich ansteigt (Mullin & Žáček, 1981). Möchtest du also einen möglichst großen Einzelkristall züchten, solltest du die Übersättigung möglichst kontrolliert erzeugen und abrupte Veränderungen der Temperatur vermeiden.
5. Tipp: Lass deinen Kristall frei schweben
Wenn du einen geeigneten Impfkristall gefunden hast, solltest du ihm genügend Platz zum Wachsen geben. Für den eigentlichen Wachstumsvorgang benötigst du nun deine restliche gesättigte Alaunlösung: Gieße die klare Lösung vorsichtig vom Bodensatz ab in ein sauberes Glasgefäß.
Befestige deinen Impfkristall nun an einem dünnen Nylonfaden, den du beispielsweise an einem quer über das Gefäß gelegten Bleistift fixierst. Hänge ihn anschließend so hinein, dass er vollständig von der Lösung bedeckt ist, aber weder Boden noch Gefäßwand berührt.

Der Impfkristall sollte von der Flüssigkeit bedeckt sein und in alle Richtungen Platz haben. *
Die Kristallflächen stehen so möglichst uneingeschränkt mit der Lösung in Kontakt. Dadurch können sich die gelösten Teilchen problemlos anlagern, was das Wachstum begünstigt.
6. Tipp: Lass deinen Kristall in Ruhe
Dein Kristall braucht möglichst ungestörte Bedingungen. Vermeide deshalb, das Gefäß regelmäßig zu bewegen, zu schütteln oder die Lösung umzurühren. Denn auch mechanische Einflüsse können das Wachstum stören: Untersuchungen an Kaliumalaun zeigen, dass beim Rühren winzige Splitter vom Kristall abbrechen können. An diesen können sich in der Folge neue, kleine Kristalle bilden (Bosetti & Mazzotti, 2020). Diese konkurrieren mit deinem Kristall um das gelöste Alaun.
Für dein Experiment bedeutet das: Je weniger du deinen Kristall störst, desto besser kannst du seine Entwicklung kontrollieren.
7. Tipp: Gib deinem Kristall genügend Zeit
Der letzte Tipp ist wohl der schwierigste: Übe dich in Geduld. Ein Kristall entsteht nicht innerhalb weniger Minuten - schöne Kristalle wachsen langsam und bei geringer Übersättigung, etwa durch langsames Verdunsten des Wassers.
Damit sich die gelösten Teilchen möglichst gleichmäßig anlagern können, solltest du dein Gefäß an einem Ort mit möglichst konstanter Raumtemperatur aufstellen. Vermeide direkte Sonneneinstrahlung oder die unmittelbare Nähe eines Heizkörpers, da starke Temperaturschwankungen die Löslichkeit und damit die Wachstumsbedingungen verändern können.
Decke dein Gefäß außerdem am besten mit einem Stück Küchenpapier oder einem dünnen Tuch ab, das du mit einem Gummiband befestigst. So schützt du die Lösung vor Staub, während weiterhin Wasser verdunsten kann. Erste Wachstumsveränderungen können bereits nach wenigen Tagen sichtbar werden; für einen größeren Kristall brauchst du entsprechend mehr Zeit. Wächst er nicht mehr, ist die Lösung verbraucht. Falls du einen noch größeren Kristall haben möchtest, setze ihn in frische gesättigte Lösung.
Sobald dein Kristall die gewünschte Größe erreicht hat, kannst du ihn vorsichtig aus der Lösung nehmen und auf einem Stück Küchenpapier trocknen lassen. Und dann heißt es: staunen!
* Disclaimer:
Die Illustration für diesen Beitrag wurden mit KI erstellt. Wir sind auf der Suche nach eine:r neuen Illustrator:in. Bewirb dich unter: kontakt@alexandria-magazin.at.
Bertamini M, Rampone G, Makin ADJ, Jessop A. (2019): Symmetry preference in shapes,
faces, flowers and landscapes. PeerJ.
Bosetti, L., & Mazzotti, M. (2020). Study of secondary nucleation by attrition of
potassium alum crystals suspended in different solvents. Crystal Growth & Design, 20,
2570–2577.
Capellades, G., Bonsu, J. O., & Myerson, A. S. (2022). Impurity incorporation in solution
crystallization: Diagnosis, prevention, and control. CrystEngComm, 24(11).
IUPAC-NIST Solubility Data Series. (n.d.). Sodium chloride and water.
Mullin, J. W., & Žáček, S. (1981). The precipitation of potassium aluminium sulphate
from aqueous solution. Journal of Crystal Growth, 53, 515–518.
Ryan M. (2018): A taste for the beautiful: the evolution of attraction. University Press.
Threlfall, T. L., & Coles, S. J. (2016). A perspective on the growth-only zone, the
secondary nucleation threshold and crystal size distribution in solution crystallisation.
CrystEngComm, 18, 369–378.
