Zwei Reisepässe in den Händen von zwei Personen, Frontalansicht

Klein genug, dass er in jede Jackentasche passt und mächtig genug, um über Leben zu entscheiden. Kaum ein Dokument prägt die Existenz des Menschen so grundlegend wie der Reisepass. Er entscheidet darüber, wer Grenzen überschreiten darf, wer bleiben muss und wer überhaupt irgendwo dazugehört.
Wie kam es dazu, dass ein kleines Buch so lebensbestimmend werden konnte?

1. Reisepässe gab es schon vor Jesus

Die Idee, Bewegungen von Personen zu dokumentieren und zu kontrollieren, ist sehr alt und reicht über das moderne Passwesen hinaus. Bereits in der Bibel wird im Buch Nehemia (5. Jahrhundert v. Chr.) eine Urkunde erwähnt, die der König für eine sichere Durchreise ausstellt.

Auch in der Antike existierten bereits Formen offizieller Nachweise, die Reisenden die Überquerung von Grenzen erleichtern sollten. Archäologische Funde aus dem antiken Griechenland belegen kleine Tonobjekte mit eingravierten Namen und Angaben, die im 4. Jahrhundert v. Chr. als Passierscheine, oder besser gesagt, Passiertontafeln dienten.

Im mittelalterlichen Europa entwickelte sich daraus die Praxis des Sicheren Geleits, die im Kern eine königliche Zusicherung war, ähnlich jener in der Bibel: Der Inhaber darf reisen, wird geschützt und darf sich im jeweiligen Königreich aufhalten. Keine Nationalität, keine Staatsbürgerschaft, sondern konkrete Rechte für eine konkrete Person in einem konkreten Territorium.

Das Grundprinzip, Mobilität über Dokumente zu legitimieren und zu kontrollieren, ist somit kein Produkt des 20. Jahrhunderts, sondern eine der ältesten Formen staatlicher Bürokratie. Staaten wollten wissen, wer sich wo aufhielt, denn Menschen galten als Arbeitskräfte, Steuerzahler:innen und Soldaten und waren damit wertvolle Ressourcen. So durften Facharbeiter:innen der Textilindustrie in Großbritannien das Land zeitweise nicht verlassen, damit Handelsgeheimnisse geschützt und die britische Vormachtstellung auf dem globalen Textilmarkt gewahrt blieb.

2. Reisepässe für Bärentänzer:innen

Bevor der Pass (für Glückliche) zum Urlaubsrequisit wurde, war er ein Werkzeug gegen die Ärmsten. Im frühneuzeitlichen Europa hatten Pässe nicht dieselbe Bedeutung wie heute. Sie waren noch keine Nationaldokumente, sondern ähnelten eher einem Empfehlungsschreiben. Wer einen besaß, gehörte irgendwo dazu.

Wanderkünstler:innen wie Bärentänzer:innen, Akrobaten:innen und Straßenmusiker:innen, verdienten ihren Lebensunterhalt mit öffentlichen Auftritten. Sie reisten ständig und hatten keinen festen Wohnsitz. Sie wurden nicht als Arbeitende gesehen, sondern als verkleidete Bettler:innen und Landstreicher:innen - beides war strafbar. Ein gültiger Pass war oft das Einzige, was zwischen ihnen und einer Festnahme stand.

Also besorgten sie sich welche, wenn auch nicht immer auf dem offiziellen Weg. Im Herzogtum Brabant, einem der meistbereisten Gebiete Europas im späten 18. Jahrhundert, funktionierte das über informelle Netzwerke. So taucht eine Brüsseler Wirtin namens Madame Champagne in sechs separaten Verhörprotokollen savoyardischer Laternenträger auf. Sie war keine Behörde, wusste aber mit Papier umzugehen und half Reisenden bei der Beschaffung ihrer Dokumente.

Doch selbst ein Pass bot nicht immer Sicherheit (besonders nicht dort, wo es für Festnahmen Bonusse gab): niemand wusste so recht, welche Regeln eigentlich galten. Vorschriften unterschieden sich von Stadt zu Stadt, Gültigkeitsdauern waren uneinheitlich. Das Bewusstsein für die Bedeutung offizieller Dokumente war jedoch in den Köpfen der Menschen angekommen. Die Regeln des Staates hinkten jedoch nach und so betrachteten die Inhaber „falscher“ oder abgelaufener Pässe auch diese als grobe Reiseerlaubnis (Vanruysseveldt, 2016).

3. Für die USA gab es wichtigere Kriterien für die Einreise

Allein 1907 kamen über eine Million Menschen in Ellis Island, dem zentralen Einwanderungszentrum vor der Küste New Yorks, an. Zwischen 1892 und 1954 waren es insgesamt 12 Millionen, und das Erstaunliche daran ist: Ein Reisepass war nicht erforderlich. Die wohl größere Hürde war finanzieller Natur. Die meisten Einwander:innen gehörten der Arbeiter:innenklasse an, besaßen kaum etwas und mussten jahrelang sparen.

Wer die medizinische Kontrolle bei der Ankunft bestand, trat vor eine:n Inspektor:in, die anhand des Schiffsmanifests eine standardisierte Liste von Fragen stellte, wie: „Wohin reist du?“, „Hast du Verwandte in Amerika?“, „Wie viel Geld hast du dabei?“, „Bist du verurteilt worden?“, oder „Bist du Anarchist?“ Besonders die Geldfrage war entscheidend: Wer als mittellos und krank galt, konnte abgewiesen werden. Auch Kriminelle, politisch Unerwünschte und Angehörige bestimmter Berufsgruppen konnten an diesem „Test“ scheitern.

Die Identität wurde dabei nicht durch ein Dokument belegt, sondern durch ein Verhör, durch wartende Verwandte am Kai und den subjektiven Eindruck des Beamten. Dennoch wurden weniger als zwei Prozent der Einwander:innen abgewiesen. Das Ziel war nicht, möglichst viele auszuschließen, sondern die „Unerwünschten“ herauszufiltern. Wer arbeitsfähig und gesund war, durfte durch. Und wer durchkam, erhielt nichts: keinen Stempel, keinen Ausweis. „Das ist schwer vorstellbar in unserer bürokratischen Welt heute“, weiß Historiker Vincent Cannato. Wer die Kontrolle passiert hatte, wurde einfach seiner Wege geschickt.

US-Inspektoren untersuchen die Augen von Einwanderern auf Ellis Island

US-Inspektoren untersuchen die Augen von Einwanderern auf Ellis Island
© Wikimedia Commons contributors

4. Ein Kind des ersten Weltkriegs

Der Reisepass, wie wir ihn heute kennen, ist erstaunlich jung. Er entstand im Ersten Weltkrieg, als europäische Regierungen aus Angst vor Sabotage plötzlich von allen Reisenden Ausweise verlangten. Mobilität wurde zur Sicherheitsfrage und die Kontrollen blieben auch nach Kriegsende bestehen.

Im Jahr 1920 hielt der Völkerbund in Paris eine Konferenz ab und empfahl die Einführung eines einheitlichen, universellen Passformats. Dieses Format umfasste ein 32-seitiges Heft, das Name, Alter und Foto des Inhabers enthielt. Auf den ersten vier Seiten wurden die Gesichtszüge, der Beruf und der Wohnort der Besitzer:in festgehalten.

Wie tiefgreifen dieser Wandel war, zeigt das Beispiel des österreichischen Autors Stefan Zweig. Der überzeugte Weltbürger verlor nach dem „Anschluss“ Österreichs seinen Pass. In „Die Welt von Gestern“ schrieb er, „Am Tage, da ich meinen Pass verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, dass man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.“ Der Verlust bedeutete nicht nur den Wegfall eines Dokuments, sondern den Bruch mit Zugehörigkeit, Sprache und Sicherheit.

Auch heute ist der Pass kein neutrales Dokument, sondern ein Hebel der Macht. In Belarus berichten freigelassene politische Gefangene, dass ihnen im Moment der Entlassung die Reisepässe abgenommen werden - ein „letzter schmutziger Trick“. Nach Jahren in Haft stehen sie vor den Gefängnistoren, offiziell frei, aber ohne Identitätspapier, ohne die Möglichkeit, legal zu reisen. Oppositionelle wie Sviatlana Tsikhanouskaya sprechen davon, dass Freiheit ohne Dokumente zur halben Freiheit wird.

5. Kann man sich eine Staatsbürgerschaft kaufen?

Heute lässt sich die Stärke des Passes messen: jedes Jahr wird ein Index veröffentlicht, der zeigt, wie viele Länder man mit einem bestimmten Pass bereisen kann ohne vorab ein Visum beantragen zu müssen. Für das Jahr 2026 belegt Singapur mit 192 Ländern Platz Eins, Österreich liegt mit 184 Ländern auf dem geteilten fünften Platz. Mit nur 24 Ländern belegt Afghanistan den letzten Platz.

Wer genug Geld hat, kann diese Lotterie aber umgehen. Malta, Montenegro, Jordanien, Ägypten aber auch Österreich bieten sogenannte „Citizenship by Investment“-Programme an: Investieren, Pass kaufen, Grenzen öffnen.

Es gibt aber auch subtilere Wege:
Wovon die wandernden Künstler:innen Mitteleuropas nur träumen konnten, gelang Opernsängerin Anna Netrebko im Handumdrehen. Aufgrund ihrer „besonderen Verdienste“ wurde ihr im Jahr 2006 die österreichische Staatsbürgerschaft geschenkt. Kein jahrelanges Warten, kein Staatsbürgerschaftstest, kein Zittern vor einfachen Verwaltungsstrafen[25.1] – ein fehlendes Fahrradlicht oder Falschparken können einfachen Bürger:innen nämlich den Weg zum österreichischen Pass nämlich noch einmal erschweren.

Der Reisepass wirkt selbstverständlich, fast banal - bis man ihn braucht und nicht hat. Dann zeigt sich, was er tatsächlich ist: kein bloßes Reisedokument, sondern ein politisches Instrument, das Chancen verteilt. Ein kleines Heft, dessen Bedeutung weniger im Papier selbst liegt, als in den Grenzen, die es öffnen oder schließen kann[.

Vanruysseveldt, V. (2016). Travelling Without Risks? Itinerant Entertainers in the Duchy of Brabant and their Uses of Passports at the End of the Eighteenth Century. Cultural and Social History, 13(4), 437-450.

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