Wissenschaftliche Symbole links, Medien Rechts, dazwischen Brücken

Wissenschaft ist mehr als ein System zur Produktion von Erkenntnissen. Sie ist auch darauf angewiesen, dass ihre Ergebnisse verstanden, eingeordnet und kritisch diskutiert werden. Gerade in Zeiten von Fehlinformation, Informationsüberfluss und öffentlicher Verunsicherung entscheidet gute Wissenschaftskommunikation mit darüber, ob Forschung Vertrauen stärkt - oder Zweifel vertieft.

Wissenschaft in Zeiten der Informationsflut

Wir alle verlassen uns jeden Tag auf Wissen, das wir nicht selbst überprüft haben. Wir vertrauen Ärzt:innen, Wetterprognosen, Lebensmittelkontrollen oder technischen Standards, ohne jede Studie dazu gelesen zu haben. Gerade in den Bio- und Naturwissenschaften ist dieses Vertrauen besonders heikel, weil Forschungsergebnisse oft unmittelbare Auswirkungen auf unseren Alltag haben: auf Gesundheitsentscheidungen, auf Umweltfragen oder auf politische Debatten. Wissenschaftskommunikation ist deshalb kein schmückendes Beiwerk, sondern ein zentraler Teil davon, wie wissenschaftliche Erkenntnisse gesellschaftlich wirksam werden.

Dabei ist die Ausgangslage widersprüchlich. Einerseits ist das Vertrauen in Wissenschaft vielerorts höher, als öffentliche Debatten vermuten lassen. Eine internationale Studie in 68 Ländern zeigt, dass in den meisten Ländern eine Mehrheit Wissenschaftler:innen grundsätzlich vertraut und sich sogar mehr gesellschaftliche Beteiligung von ihnen wünscht (Cologna et al., 2025). Auch in Österreich bleibt das Vertrauen vergleichsweise stabil: Laut Wissenschaftsbarometer 2024 sagen 73 Prozent der Befragten, dass sie Wissenschaft und Forschung stark oder sehr stark vertrauen. Andererseits fühlen sich aber nur 32 Prozent gut informiert (ÖAW, 2024).

Genau in dieser Lücke liegt die Herausforderung. Menschen sind nicht automatisch wissenschaftsskeptisch, weil sie Forschung grundsätzlich ablehnen. Häufig fehlt vielmehr eine Kommunikation, die Ergebnisse nicht nur präsentiert, sondern verständlich macht, einordnet und mit dem Alltag verknüpft. Wer nur Schlagzeilen liest oder mit isolierten Einzelbefunden konfrontiert wird, bekommt leicht den Eindruck, Wissenschaft sei widersprüchlich, abgehoben oder sprunghaft. Dabei ist gerade die Offenheit gegenüber Kritik die größte Stärke der Wissenschaft.

Wenn Information allein nicht reicht

Lange Zeit dominierte in der Wissenschaftskommunikation die Vorstellung, man müsse der Öffentlichkeit vor allem mehr Wissen vermitteln. Nach dem sogenannten Defizitmodell galt Skepsis primär als Folge von Unwissen. Wer besser informiert sei, würde Forschung schon akzeptieren. Inzwischen gilt dieser Zugang als zu kurz gegriffen. Wissenschaftskommunikation funktioniert nicht allein als Einbahnstraße vom Labor in die Gesellschaft. Sie braucht Dialog, Kontext und die Bereitschaft zuzuhören (Reincke et al., 2020).

Das ist vor allem deshalb wichtig, weil Informationen heute nicht in einem neutralen Raum zirkulieren. Soziale Medien, deren undurchschaubare Algorithmen, politische Zuspitzungen und emotionale Debatten formen mit, welche Inhalte Aufmerksamkeit bekommen. Gerade wissenschaftliche Themen werden dabei oft verkürzt, dramatisiert oder aus dem Zusammenhang gerissen. Misinformation über Wissenschaft entsteht nicht nur durch gezielte Desinformation, sondern auch durch missverständliche Vereinfachungen, überzogene Schlagzeilen oder unpräzise Weitergabe komplexer Ergebnisse. Auch Autorinnen wie Ingrid Brodnig und Maja Göpel haben in ihren Büchern beschrieben, wie sehr öffentliche Debatten von digitalen Aufmerksamkeitslogiken, verkürzten Erzählungen und fehlender Einordnung geprägt sind.

Mensch mit Symbolen von Medien um sich herum

In der digitalen Informationsflut wird Einordnung zur zentralen Aufgabe guter Wissenschaftskommunikation.

Die Folge ist nicht bloß Verwirrung. Wenn Unsicherheit schlecht erklärt wird, kann sie als Inkompetenz missverstanden werden. Wenn vorläufige Ergebnisse wie endgültige Wahrheiten kommuniziert werden, wirken spätere Korrekturen wie Widersprüche. Und wenn Kontroversen künstlich aufgebläht werden, entsteht der Eindruck, in der Wissenschaft sei ohnehin alles nur Meinung. Gute Wissenschaftskommunikation muss deshalb mehr leisten als Übersetzung. Sie muss Erwartungen an Wissenschaft realistisch machen: Forschung liefert keine absolute Gewissheit, sondern bestmögliche Erkenntnisse auf Basis des aktuellen Wissensstands.

Was gute Wissenschaftskommunikation leistet

Gute Wissenschaftskommunikation erklärt nicht nur Ergebnisse, sondern auch Prozesse. Sie zeigt, wie Wissen zustande kommt, warum Unsicherheit dazugehört und weshalb neue Daten frühere Einschätzungen präzisieren oder verändern können. Gerade diese Transparenz kann Vertrauen stärken, weil sie Wissenschaft nicht als unfehlbare Autorität inszeniert, sondern als nachvollziehbaren, selbstkorrigierenden Prozess.

Ebenso wichtig ist Relevanz. Ein Forschungsergebnis bleibt abstrakt, wenn unklar bleibt, warum es jemanden betreffen soll. Die Frage „Was bedeutet das für mich?“ ist kein Ausdruck von Oberflächlichkeit, sondern oft der Ausgangspunkt von Interesse. Gute Wissenschaftskommunikation verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse daher mit Lebenswelt, Erfahrung und Entscheidungssituationen. Sie macht weder alles banal noch überfordert sie ihr Publikum mit Fachjargon.

Dazu kommt die Frage der Perspektive. Wer kommuniziert, spricht nie ins Leere. Unterschiedliche Zielgruppen bringen unterschiedliche Vorerfahrungen, Sprachkenntnisse, Informationsgewohnheiten und Zugänge zu Wissenschaft mit. Inklusive Wissenschaftskommunikation nimmt diese Unterschiede ernst. Sie denkt Verständlichkeit, Zugänglichkeit und Repräsentation von Anfang an mit, statt sie nachträglich als Zusatzaufgabe zu behandeln.

Inklusiv, dialogisch, glaubwürdig

Inklusiv heißt dabei nicht, Inhalte beliebig zu vereinfachen. Es bedeutet, Barrieren zu erkennen: sprachliche Hürden, implizite Vorannahmen, fehlende Alltagsbezüge oder Formate, die bestimmte Gruppen systematisch ausschließen. Wer Wissenschaft kommuniziert, sollte sich deshalb fragen: Wen erreiche ich? Wen erreiche ich nicht? Und welche Voraussetzungen setze ich stillschweigend voraus?

Dialogische Wissenschaftskommunikation geht noch einen Schritt weiter. Sie versteht Öffentlichkeit nicht bloß als Empfängerin, sondern als Gesprächspartnerin. Das heißt nicht, dass jede wissenschaftliche Position verhandelbar wäre. Aber es heißt, dass Fragen, Sorgen und Erfahrungswissen ernst genommen werden müssen. Vertrauen entsteht selten dort, wo Menschen nur belehrt werden. Es wächst eher dort, wo sie das Gefühl haben, dass ihre Perspektive gesehen wird und wissenschaftliche Aussagen nachvollziehbar eingeordnet werden.

Gerade deshalb ist Ton so wichtig. Wissenschaftskommunikation darf klar, präzise und zugänglich sein, ohne belehrend zu wirken. Sie darf Haltung zeigen, ohne moralisch herabzusprechen. Und sie darf auch kreativ sein. Humor kann dabei helfen, Distanz abzubauen und Aufmerksamkeit zu schaffen. Humor darf aber nicht als Allheilmittel verstanden werden – es ist vielmehr ein Werkzeug, das Nähe aufbauen kann.

Wege aus der Vertrauenskrise

Die oft beschworene „Vertrauenskrise“ der Wissenschaft ist deshalb komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. Das Problem ist nicht einfach ein Mangel an Daten, sondern häufig ein Mangel an Orientierung. Menschen wollen verstehen, worauf wissenschaftliche Aussagen beruhen, wo ihre Grenzen liegen und was sie für das eigene Leben bedeuten. Genau hier entscheidet sich, ob Wissenschaft als fernes Expert:innensystem erscheint - oder als gesellschaftliche Praxis, die uns alle betrifft.

Gute Wissenschaftskommunikation baut Brücken zwischen Fachwissen und Öffentlichkeit. Sie erklärt, ohne zu bevormunden. Sie reduziert Komplexität, ohne zu verfälschen. Sie macht Unsicherheit sichtbar, ohne Vertrauen zu zerstören. Und sie lädt zur Auseinandersetzung ein, ohne jeder falschen Behauptung denselben Status wie gut belegten Erkenntnissen zu geben.

Wissenschaftliche Symbole links, Medien Rechts, dazwischen Brücken

Gute Wissenschaftskommunikation verbindet Forschung mit den Fragen und Debatten der Gesellschaft.

Wenn Wissenschaft ihre gesellschaftliche Rolle ernst nimmt, muss sie daher nicht nur forschen, sondern auch kommunizieren: offen, präzise, inklusiv und dialogbereit. Nicht, weil gute Kommunikation Wissenschaft „verkaufen“ soll, sondern weil Erkenntnis in einer demokratischen Gesellschaft nur dann Wirkung entfalten kann, wenn sie verständlich, überprüfbar und anschlussfähig wird.

• Unsicherheit benennen statt verbergen - vorläufige Ergebnisse sollten als vorläufig erkennbar sein.
• Relevanz sichtbar machen - Menschen verstehen Forschung leichter, wenn sie den Bezug zum Alltag erkennen.
• Fragen ernst nehmen - auch kritische Rückfragen sind oft ein Einstieg in produktiven Dialog.
• Passende Formate wählen - Sprache, Kanal und Darstellung müssen zur jeweiligen Zielgruppe passen.

Dr. Clarissa Braun ist promovierte Immunbiologin mit Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, wie komplexe Forschung verständlich, präzise und gesellschaftlich anschlussfähig vermittelt werden kann – insbesondere an der Schnittstelle von Biomedizin, Öffentlichkeit und Medien.

Cologna, V., Mede, N. G., Berger, S., et al. (2025). Trust in scientists and their role in society across 68 countries. Nature Human Behaviour, 9(4), 713–730.

Frank, A. L., Cacciatore, M. A., Yeo, S. K., & Su, L. Y.-F. (2025). Wit meets wisdom: The relationship between satire and anthropomorphic humor on scientists’ likability and legitimacy. Journal of Science Communication, 24(01), A04. https://doi.org/10.22323/2.24010204

Österreichische Akademie der Wissenschaften. (2024, 27. Dezember). ÖAW-Wissenschaftsbarometer 2024: 73% vertrauen Wissenschaft. https://www.oeaw.ac.at/news/oeaw-wissenschaftsbarometer-73-vertrauen-wissenschaft-1

Reincke, C. M., Bredenoord, A. L., & van Mil, M. H. W. (2020). From deficit to dialogue in science communication: The dialogue communication model requires additional roles from scientists. EMBO Reports, 21(9), e51278. https://doi.org/10.15252/embr.202051278

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