Pantomime? Deutsch mit den Händen? Über Gebärdensprachen kursieren viele Irrtümer. Die Forschung zeigt jedoch, dass es sich um vollwertige Sprachen mit eigener Grammatik handelt. Zudem verraten sie viel darüber, wie Sprache im Gehirn funktioniert.

Die Gebärdensprachlinguistik erforscht seit den 1960er-Jahren, wie Sprachen aufgebaut sind, die mit Händen, Mimik und Körper statt mit der Stimme arbeiten. In Österreich ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) seit 2005 in der Bundesverfassung als eigenständige Sprache anerkannt (Art. 8 Abs. 3 B-VG). Anlässlich des Internationalen Tages der Gebärdensprache am 23. September wollen wir Aufmerksamkeit für diesen wichtigen Bestandteil der Gesellschaft schaffen und bei dieser Gelegenheit ein paar weitverbreitete Irrtümer aus der Welt schaffen und stattdessen auf Gemeinsamkeiten mit gesprochener Sprache hinweisen.

1. Es gibt nicht eine, sondern weit mehr als hundert Gebärdensprachen

Wer denkt, sich mit einer Gebärdensprache mit allen Menschen auf der Welt verständigen zu können, liegt falsch - Gebärdensprachen sind nicht universell gültig. Die Online-Enzyklopädie Ethnologue verzeichnet 161 Gebärdensprachen, laut Wikipedia gibt es gar über 300 verschiedene (Eberhard et al., 2021). Ihre Verwandtschaft folgt dabei nicht den Lautsprachen. So ist die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) historisch eng mit der Französischen verwandt, nicht aber mit der Britischen. Auch die Österreichische (ÖGS) und Deutsche Gebärdensprache (DGS) stammen aus anderen Gebärdensprachfamilien.

2. Gehörlose Babys brabbeln mit den Händen

Hörende Babys beginnen im zweiten Lebenshalbjahr zu brabbeln (Zitat jedes Babys: „Bababa“). Babys, die mit Gebärdensprache aufwachsen, machen im selben Alter dasselbe mit den Händen. Sie wiederholen rhythmisch bedeutungslose Bausteine von Gebärden (Petitto & Marentette, 1991). Die Stichproben in der Studie sind zwar klein, doch das Muster passt zum Gesamtbild. Bei frühem Zugang verläuft der Erwerb einer Gebärdensprache in ähnlichen Etappen wie jener einer Lautsprache. Fehlt in den ersten Lebensjahren jedoch jeder Sprachzugang, also weder gesprochene- noch Gebärdensprache, leidet die Sprachfähigkeit dauerhaft (Mayberry et al., 2002).

Babys, die mit Gebärdensprache aufwachsen, „brabbeln“ ebenfalls: Sie wiederholen rhythmisch bedeutungslose Bausteine von Gebärden mit den Händen.

Babys, die mit Gebärdensprache aufwachsen, „brabbeln“ ebenfalls: Sie wiederholen rhythmisch bedeutungslose Bausteine von Gebärden mit den Händen.

3. Neue Gebärdensprachen entstehen von selbst, wenn gehörlose Kinder zusammenkommen

In Nicaragua gab es bis in die 1970er-Jahre keine Gehörlosengemeinschaft. Als Schulen für gehörlose Kinder eröffnet wurden, entwickelten die Schüler:innen aus ihren individuellen Hausgebärden innerhalb weniger Jahre eine gemeinsame Sprache. Dabei waren die Jüngsten entscheidend, denn jeder neue Jahrgang machte die Sprache systematischer und zerlegte beispielsweise ganzheitliche Gesten für Bewegungen in kombinierbare Einzelteile – ein Kernmerkmal aller Sprachen (Senghas et al., 2004). Geplant oder unterrichtet wurde diese Sprache aber nie

4. Unser Gehirn verarbeitet Gebärdensprache im selben Areal wie gesprochene Sprache

Ist unser Sprachzentrum eigentlich ein Sprechzentrum oder werden dort auch Gebärden verarbeitet? Um dies zu klären, wertete ein Forschungsteam der Universität Leipzig 23 Bildgebungsstudien mit insgesamt 316 gehörlosen Gebärdensprachnutzer:innen in einer Metastudie aus (Trettenbrein et al., 2021). Sie kamen zu dem Ergebnis, dass beim Verstehen von Gebärden vor allem das Broca-Areal in der linken Hirnhälfte aktiv ist. Diese Region im Stirnlappen ist auch für gesprochene und geschriebene Sprache zentral. Hinzu kommen visuelle Areale, da Gebärden schließlich gesehen und nicht gehört werden. Unser Gehirn ist also nicht aufs Sprechen, sondern auf Sprache an sich spezialisiert.

5. „Mir liegt's auf den Fingern": Gebärdende kennen das Auf-der-Zunge-liegen-Gefühl auch

Jede:r kennt es: Man weiß genau, wie die Schauspielerin heißt, aber der Name will einfach nicht herauskommen. Forscher:innen haben gehörlosen Nutzer:innen der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL) Fotos von berühmten Personen gezeigt und sie gebeten, seltene Wörter zu übersetzen. Dabei zeigte sich dasselbe Phänomen, der sogenannte „Tip-of-the-Fingers“-Effekt. Die Betroffenen wussten, dass sie die Gebärde kennen, konnten sie aber nicht abrufen. Oft erinnerten sie sich an Teile davon, etwa an die Handform, die Ausführungsstelle oder die Handstellung. Am häufigsten fehlte die Bewegung. Bei buchstabierten Namen kam oft nur der erste Buchstabe (Thompson et al., 2005). Forscher:innen erklären sich das damit, dass auch Gebärden im Gedächtnis in Bausteine zerlegt gespeichert sind; so wie Laute bei gesprochenen Wörtern. Bedeutung und Form einer Gebärde werden also getrennt abgerufen. Die Gebärdensprache funktioniert im Kopf also nach denselben Prinzipien wie jede andere Sprache auch.

Eberhard, D. M., Simons, G. F., & Fennig, C. D. (Hrsg.). (2021). Ethnologue: Languages of the world (24. Aufl.). SIL International. https://www.ethnologue.com

Mayberry, R. I., Lock, E., & Kazmi, H. (2002). Linguistic ability and early language exposure. Nature, 417(6884), 38. https://doi.org/10.1038/417038a

Petitto, L. A., & Marentette, P. F. (1991). Babbling in the manual mode: Evidence for the ontogeny of language. Science, 251(5000), 1493–1496. https://doi.org/10.1126/science.2006424

Senghas, A., Kita, S., & Özyürek, A. (2004). Children creating core properties of language: Evidence from an emerging sign language in Nicaragua. Science, 305(5691), 1779–1782. https://doi.org/10.1126/science.1100199

Thompson, R., Emmorey, K., & Gollan, T. H. (2005). “Tip of the fingers” experiences by deaf signers: Insights into the organization of a sign-based lexicon. Psychological Science, 16(11), 856-860.

Trettenbrein, P. C., Papitto, G., Friederici, A. D., & Zaccarella, E. (2021). Functional neuroanatomy of language without speech: An ALE meta-analysis of sign language. Human Brain Mapping, 42(3), 699–712. https://doi.org/10.1002/hbm.25254

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