Links ein Tatort, Steckbrief, Kaffee, in der Mitte ein Kopf, rechts ein Täterprofil, Statistiken und Netzwerke

Ganze Serien und True Crime Podcasts beschäftigen sich damit, wie Mörder:innen aufgrund ihres Verhaltens von genialen Ermittler:innen überführt werden. Doch wie zuverlässig ist Criminal Profiling wirklich? Was Studien über Täter:innen, FBI-Mythen und die Case Linkage Analysis zeigen.

Der Tatort ist verlassen, die Spuren sind gesichert. Ein Blick auf die Fotos genügt, und die Profiler:innen diktieren Alter, Beruf, Kindheitstrauma und Wohngegend der gesuchten Täter:in, als hätten sie sie persönlich getroffen. So wird es in Mindhunter, Criminal Minds und unzähligen True-Crime-Podcasts erzählt. Kaum eine Ermittlungsmethode ist popkulturell so präsent wie das sogenannte „Criminal Profiling“ - und kaum eine wird von der Forschung so kritisch beäugt. Vor 50 Jahren stellte ein in Psychology Today erschienener Artikel die damals brandneue FBI-Technik vor folgende Herausforderung: Bevor man Profiler:innen Glauben schenkt, sollten sie erst einmal beweisen, dass sie Täter:innen besser einschätzen können als ein Barkeeper (Campbell, 1976). Ein halbes Jahrhundert später wird Profiling weltweit in realen Ermittlungen eingesetzt. Zeit, zu fragen: Wurde dieser Beweis inzwischen erbracht?

Vom FBI-Keller in die Popkultur

Criminal Profiling - auch Offender Profiling oder Täter:innenprofilerstellung genannt - bezeichnet den Versuch, aus dem Verhalten am Tatort auf Persönlichkeit, Lebensumstände und demografische Merkmale unbekannter Täter:innen zu schließen (Douglas et al., 1986). Die Grundidee klingt verlockend: Wie jemand eine Tat begeht, verrät, wer diese Person ist. Wer akribisch plant und Spuren beseitigt, unterscheidet sich von jemandem, der impulsiv und chaotisch handelt - und diese Unterschiede schlagen sich in Alter, Intelligenz, Beruf oder Vorstrafen nieder.

Populär wurde diese Idee in den 1970er-Jahren in der Behavioral Science Unit des FBI. Die Psychiaterin Ann Burgees und der Agent Robert Ressler interviewten 36 inhaftierte Mörder und leiteten daraus die wohl berühmteste Typologie der Kriminalgeschichte ab: die Unterscheidung zwischen „organisierten" und „desorganisierten" Täter:innen (Ressler & Burgess, 1985). Demnach planen organisierte Täter:innen ihre Taten, wählen Opfer gezielt aus und hinterlassen kontrollierte Tatorte; desorganisierte hingegen handeln spontan und chaotisch. Dieses Schema prägt bis heute Seriendrehbücher - und lange Zeit auch reale Ermittlungsarbeit.

Das Problem: Diese Typologie entstand aus Berufserfahrung und Interviews mit gerade einmal 36 inhaftierten Tätern. Es gab keine Kontrollgruppe, keine Zufallsstichprobe, keine statistische Prüfung (Ressler & Burgess, 1985). Was als gesichertes Wissen behandelt wurde, war streng genommen eine Sammlung von Eindrücken erfahrener Ermittler:innen. Das muss auch nicht falsch sein - ein wissenschaftlicher Beleg schaut aber anders aus.

Abgesehen davon hat die Unterscheidung zwischen organisierten und desorganisierten Täter:innen zwar eine gewisse Logik, sie beruht jedoch auf einem simplen mathematischen Problem: Wer sorgfältig plant, Spuren beseitigt und sich Zeit lässt, wird weniger leicht erwischt und hat somit mehr Gelegenheit, weitere Taten zu begehen. Es ist daher wahrscheinlicher, mehr Taten zu begehen, wenn man organisiert ist. Das Problem aber nicht nur die Typologie selbst, sondern dass Ermittler:innen weltweit danach gearbeitet haben, obwohl sie nie wirklich wissenschaftlich geprüft wurde.

Wie viele Mördertypen gibt es?

Die ernüchternde Antwort auf diese Frage lautet: Es kommt darauf an, wen man fragt. Wäre Profiling eine etablierte Wissenschaft, müssten unabhängige Forschungsgruppen bei ähnlichen Daten zu ähnlichen Täter:innenprofilen kommen. Die Realität sieht jedoch anders aus: allein für Tötungsdelikte schwankt die Zahl der vorgeschlagenen Täter:innentypen je nach Studie zwischen zwei und sechs, und die Bezeichnungen überlappen kaum (Fox & Farrington, 2018).

Eine Klassifikation unterscheidet etwa visionäre, missionsgetriebene, hedonistische und machtorientierte Serienmörder:innen (Holmes & De Burger, 1988). Andere trennen zwischen „expressiven" Taten aus emotionaler Erregung und „instrumentellen" Taten, die einem Ziel wie Bereicherung oder Vertuschung dienen (Santtila et al., 2003). Welchem Profil ein Fall zugeordnet wird, hängt damit weniger von der Tat ab als von der Studie, die man heranzieht. Dieses Muster zieht sich auch durch andere Delikte: Für Brandstiftung etwa kursieren je nach Untersuchung zwischen zwei und zehn Täter:innentypen (Fox & Farrington, 2018).

Kann von der Tat auf die Täter:in geschlossen werden?

Selbst diese Grundannahme des Profilings wackelt. Damit von der Tat auf die Person geschlossen werden kann, die sie begangen hat, müssten ähnliche Taten von ähnlichen Täter:innen begangen werden. Als Forscher:innen der Universität Liverpool diese Annahme bei 100 verurteilten Vergewaltigern testete, fanden sie jedoch keinen Zusammenhang zwischen der Ähnlichkeit des Tatverhaltens und der Ähnlichkeit der Tätermerkmale (Mokros & Alison, 2002).

Noch düsterer wurde es, als die berühmteste Typologie selbst auf den Prüfstand kam. Eine, ebenfalls von Forscher:innen der Universität Liverpool, durchgeführte Analyse von 100 Serienmorden testete, ob sich Tatortmerkmale tatsächlich in „organisiert" und „desorganisiert" zusammenfassen lassen. Das ernüchternde Ergebnis: Es gibt keine klare Trennung in zwei Typen. Was aber nahezu alle Tatorte nachwiesen, waren organisierte Merkmale. Die FBI-Dichotomie ist also eher ein Mythos als ein wissenschaftlich geprüftes Modell (Canter et al., 2004).

Hilft Profiling bei Ermittlungen überhaupt?

Diese Frage kann leider auch niemand mit einem Ja beantworten. Das Problem ist nämlich, dass sich von den über 400 Fachpublikationen zum Profiling nicht einmal zehn Prozent mit der Evaluation der Methode, also der Frage nach deren Wirksamkeit, beschäftigen (Fox & Farrington, 2018).Kritiker:innen sprechen deshalb von einer „Profiling-Illusion": Der Glaube an die Methode speise sich aus Anekdoten und mehrdeutigen Aussagen, nicht aus Belegen (Snook et al., 2008).

Die fehlenden Evaluationen haben auch rechtliche Konsequenzen. Ohne bekannte Fehlerquoten erfüllt Profiling nicht die Anforderungen, die US-Gerichte nach dem sogenannten Daubert-Standard an wissenschaftliche Beweismittel stellen. Eine Studie aus den oben erwähnten zehn Prozent der Studien, die die Wirksamkeit von Profiling tatsächlich überprüft haben, macht der Disziplin Hoffnung. Es handelt sich dabei um eine der wenigen experimentellen Studien zu Profiling. Die Forscher:innen entwickelten statistische Einbruchsprofile, die in laufenden Ermittlungen eingesetzt wurden. Laut den Forscher:innen stieg anschließend die Festnahmequote der Behörden, die die Profile einsetzten, um das Dreifache (Fox & Farrington, 2015). Eine Evaluation ist also möglich, wird aber zu selten durchgeführt.

Wo Profiling tatsächlich funktioniert: Case Linkage Analysis

So ernüchternd die Bilanz klassischer Täter:innenprofile ausfällt, so vielversprechend ist ein jüngerer Ansatz: die Case Linkage Analysis (CLA). Anstelle der Frage „Wer ist der Täter?” stellt sie die bescheidenere, aber überprüfbare Frage: „Stammen diese Taten von derselben Person?” Dazu wird das Verhalten an mehreren Tatorten statistisch verglichen, beispielsweise die Vorgehensweise, die Auswahl der Ziele oder die Distanz zwischen den Tatorten (Bennell & Canter, 2002).

Wie gut das funktioniert, lässt sich mit einer Kennzahl aus der medizinischen Diagnostik beziffern: der Fläche unter der Kurve (engl. Area Under the Curve, AUC). Sie beschreibt die Vorhersagekraft eines Modells und reicht von 0 bis 1. Ein Wert von 0,5 entspricht reinem Zufall, etwa einem Münzwurf; ein Wert von 1,0 beschreibt ein Modell mit perfekter Treffsicherheit. Über 18 Studien hinweg erreicht CLA im Schnitt einen Wert von 0,83 und damit eine gute Genauigkeit (Fox & Farrington, 2018). Die Studien zu CLA unterwerfen sich auch strengeren Qualitätskriterien als andere Methoden, denn fast alle arbeiteten mit fortgeschrittener Statistik und erschienen in Peer-Review Zeitschriften. In Kanada hat die CLA schon Anfang der 90er Jahre ihren Weg in die Praxis gefunden. Dort werden Gewaltverbrechen in der Falldatenbank ViCLAS (engl. Violent Crime Linkage Analysis System) systematisch auf Verbindungen. Dieses System existiert mittlerweile auch in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Perfekt ist CLA aber auch nicht. Die Genauigkeit schwankt je nach Delikt und untersuchtem Verhaltensbereich (Fox & Farrington, 2018). Doch genau darin liegt der entscheidende Unterschied zum klassischen Täter:innenprofil: Diese Unsicherheit ist bekannt, beziffert und veröffentlicht. CLA zeigt damit, wie Profiling aussehen kann, wenn es sich denselben Regeln unterwirft wie jede andere empirische Wissenschaft.

Besser als ein Barkeeper? Die Antwort steht noch aus

Nach 50 Jahren bleibt die Barkeeper-Frage unbeantwortet - eine traurige Bilanz für das Profiling. Denn eine Methode, die in realen Ermittlungen mitentscheidet, müsste ihre Wirkung längst belegt haben. Das Ganze kann sogar noch kritischer betrachtet werden: Profiling, so wie wir es aus Serien und Filmen kennen, ist nach aktuellen Erkenntnissen nicht besser als Kaffeesud lesen. Es gibt aber Licht am Horizont. Die Herangehensweise an Profiling wird wesentlich wissenschaftlicher und entwickelt sich immer weiter weg von Modellen, die auf Anekdoten einiger Ermittler:innen basieren. Und mit der CLA existiert bereits ein guter Ansatz, der vormacht, wie es besser geht.

Am Ende bleibt festzuhalten, dass die geniale Profiler:in, die aus einem Blutspritzer eine ganze Biografie liest, zwar gute Unterhaltung bieten kann, aber im echten Leben genauso oft eine:n Unschuldige:n wie eine:n Täter:in „überführt“. Wahrscheinlich wäre die Frage, ob ein Barkeeper oder ein:e Profiler:in besser ist, leichter zu beantworten, wenn auch Barkeeper:innen in die Ermittlungen eingebunden wären.

Bennell, C., & Canter, D. V. (2002). Linking commercial burglaries by modus operandi: Tests using regression and ROC analysis. Science & Justice, 42(3), 153-164.

Campbell, C. (1976). Portrait of a mass killer. Psychology Today, 9(12), 110-119.

Canter, D. V., Alison, L. J., Alison, E., & Wentink, N. (2004). The organized/disorganized typology of serial murder: Myth or model?. Psychology, Public Policy, and Law, 10(3), 293.

Douglas, J. E., Ressler, R. K., Burgess, A. W., & Hartman, C. R. (1986). Criminal profiling from crime scene analysis. Behavioral Sciences & the Law, 4(4), 401-421.

Fox, B. H., & Farrington, D. P. (2015). An experimental evaluation on the utility of burglary profiles applied in active police investigations. Criminal justice and behavior, 42(2), 156-175.

Fox, B., & Farrington, D. P. (2018). What have we learned from offender profiling? A systematic review and meta-analysis of 40 years of research. Psychological Bulletin, 144(12), 1247.

Holmes, R. M., De Burger, J., & Holmes, S. T. (1988). Inside the mind of the serial murder. American Journal of Criminal Justice, 13(1), 1-9.

Mokros, A., & Alison, L. J. (2002). Is offender profiling possible? Testing the predicted homology of crime scene actions and background characteristics in a sample of rapists. Legal and Criminological Psychology, 7(1), 25-43.

Ressler, R. K., & Burgess, A. W. (1985). Crime scene and profile characteristics of organized and disorganized murders. FBI law enforcement bulletin, 54(8), 18-25.

Santtila, P., Häkkänen, H., Canter, D., & Elfgren, T. (2003). Classifying homicide offenders and predicting their characteristics from crime scene behavior. Scandinavian Journal of Psychology, 44(2), 107-118.

Snook, B., Cullen, R. M., Bennell, C., Taylor, P. J., & Gendreau, P. (2008). The criminal profiling illusion: What's behind the smoke and mirrors?. Criminal justice and behavior, 35(10), 1257-1276.

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