Preisvergleich Erzeugung Stromarten

In Zeiten von politischer Instabilität und ökologischer Multikrise sind Kernkraftwerke wieder in Mode: Sie versprechen klimaneutrale Energie und strategische Unabhängigkeit. Stehen wir vor einer Wiederkehr des Atomzeitalters, oder sind die Meiler passé? In zwei Artikeln beleuchtet alexandria die technischen und politischen Hintergründe der alten und vielleicht erneuten Zukunftstechnologie Kernkraft.

Das ist Teil 2. Den ersten Artikel findet ihr hier .

Straßburg, 8. März 2022. Nicht einmal zwei Wochen ist es her, dass Russland das Undenkbare getan und seinen unabhängigen Nachbarstaat, die Ukraine, angegriffen hat. Die EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen kommt nun zusammen, um das weitere Vorgehen gegenüber Russland zu verkünden. Denn zu diesem Zeitpunkt ist die EU mit dem Kreml noch eng verwoben: in Russland sitzen viele europäische Unternehmen, russische Oligarchen haben sich in der EU niedergelassen, um hier ihr Luxusleben zu genießen, vor allem aber bezieht die EU einen Großteil ihrer fossilen Energieträger – also Öl, Gas und Kohle – aus Russland und ist somit empfindlich abhängig vom Aggressor-Staat.

RePowerEU heißt der Plan, den Präsidentin von der Leyen im Frühjahr 2022 erstmals vorschlägt, um die kritische Energieversorgung Europas Schritt für Schritt umweltfreundlicher und unabhängiger zu machen – von Russlands Präsident Wladimir Putin und anderen Despoten. Ein wichtiger Baustein für ihren Plan: Kernkraft. Seit der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl 1986 ist das ein höchst umstrittener Energieträger.

„Wir haben heimische Energiequellen – Atom- und erneuerbare. Zusammen können sie Garant für Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit werden, wenn wir es jetzt richtig machen,“ sagt von der Leyen am EU-Gipfel zur Kernenergie 2026 und kündigt finanzielle Förderungen für moderne modulare Mini-Reaktoren an (siehe auch Teil 1 dieses Artikels). Können eigene Atomkraftwerke (AKWs) uns also tatsächlich von fremden Staaten wirtschaftlich und geopolitisch unabhängiger machen?

Die Sache mit der Lieferkette

Bevor wir uns in diese Fragestellung stürzen, sollten wir über geopolitische Abhängigkeiten sprechen. Wieso ist das eigentlich gerade so ein dringliches Thema?

In unserer globalisierten Welt sind Nationalstaaten durch Verträge und Abkommen vernetzt und voneinander abhängig. In vielen Fällen profitieren Nationen davon: sie verkaufen Güter, die im eigenen Land reichlich vorhanden sind oder auf deren Produktion sie spezialisiert sind, an andere Staaten (Export). Gleichzeitig kaufen sie Waren ein, die im Inland nicht verfügbar sind oder die andere Länder effizienter herstellen können (Import).

In friedlichen Zeiten kann dieser Handel die Versorgung der beteiligten Staaten absichern. Problematisch wird die Handelsbeziehung dann, wenn ein einzelner Staat beim Export bestimmter Güter eine dominante Stellung einnimmt und diese Marktmacht ausnutzt, um politischen Druck zu erzeugen. Bis 2021 importierte die EU etwa 45 Prozent ihres Gas- und mehr als ein Viertel ihres Ölbedarfs aus Russland. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine sanktionierte die EU den Kreml, doch die Energieabkommen ließen sich nicht risikofrei vom einen auf den anderen Tag kappen. Diese Abhängigkeit von Russland verschaffte dem Kreml einen politischen Hebel: Die EU-Mitgliedsstaaten Polen und Bulgarien weigerten sich gegen Russlands Forderung, ihre Gasimporte in der russischen Landeswährung Rubel zu zahlen. Das Geld wäre nämlich beim Tausch von Euro oder Dollar über die sanktionierte russische Zentralbank gelaufen. So hätte Russland die EU-Sanktionen umgehen und die eigene Währung fördern können. Daraufhin stellte Russland die Gaslieferungen gegen die beiden Staaten ein, um sie zu erpressen. Ähnlich ist es heute mit den USA unter Präsident Donald Trump, die Europa mit erhöhten Zöllen drohen, um ihr eigenes Interesse durchzubringen. Handelsbeziehungen können also zur politischen Waffe werden.

In unserer vernetzten Welt treffen uns sogar Konflikte, an denen wir nicht beteiligt sind, sowie Umstände, auf die wir keinen Einfluss haben. Fast unser gesamter Bedarf an Seltenerd-Produkten, die wir für den Betrieb von Handys oder E-Autos benötigen, stammt aus China. Wenn die Grenzen Chinas, wie in Zeiten der Pandemie, dicht sind, entsteht bei uns ein grober Mangel. Und obwohl die EU vergleichsweise wenig Öl und Gas aus den Golfstaaten bezieht, spüren wir mittelbar die Auswirkungen der dortigen Lieferblockade, weil dadurch Strompreise international steigen.

Selbstversorger?

Ganz alleine kann und will die EU sich nicht versorgen. Doch es birgt besondere Risiken, wenn man stark auf einen einzigen Staat und dessen Lieferungen angewiesen ist. Gerade bei Energie-Gütern – wie Öl, Gas, Strom, Kohle, oder anderen Brennstoffen – kann die Abhängigkeit den gesamten Betrieb im Importstaat gefährden.

Neue Mini-Atomkraftwerke in der EU hätten den Vorteil, dass man weniger umweltschädliche fossile Brennstoffe importieren muss – sofern man Kernkraft als umweltfreundlich deklariert (eine detaillierte Abhandlung dazu findest du in Teil 1 dieses Artikels). Die Idee der Kommissionspräsidentin wäre es, große Industriebetriebe mit ihrem jeweils eigenen modularen Mini-Reaktor zu versorgen, um sie so von internationalen Preisschwankungen und Lieferengpässen abzuschirmen. Doch auch moderne modulare Reaktoren (Mini-AKWs) sind auf Handelsbeziehungen, Lieferungen und technisches Know-How angewiesen, die EU-Grenzen überschreiten.

Für das effiziente Funktionieren der Mini-AKWs benötigt man künstlich angereichertes Uran – denn der geringe Anteil spaltbarer Isotope in natürlichem Uran ist für die meisten Reaktoren nicht ausreichend. Viele der Mini-AKW-Konzepte basieren deshalb auf HALEU-Brennstoff („High‑Assay Low‑Enriched Uranium“), das höher angereichert ist als jenes Uran für herkömmliche AKWs. Für HALEU gibt es allerdings in Europa keine Produktion und auch sonst noch kaum westliche Lieferketten. Einziger kommerzieller Anbieter ist… Russland.

Europa und seine Verbündeten verfügen darüber hinaus nicht über die ausreichenden Kapazitäten, über die speziellen Fabriken und Anlagen, um Uran für die Energiegewinnung aufzubereiten und anzureichern – auch da ist uns Russland weit voraus (EU-Kommission, 2026).

Die beiden finnischen Politikwissenschaftler:innen Marco Siddi und Kristiina Silvan behaupten sogar, dass „[d]ie Nukleartechnologie [..] einer der wenigen Hightech-Sektoren [ist], in denen Russland eine weltweit führende Rolle einnimmt“ (2024). Gerade in diesem Energiesektor ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Aggressor-Staat Russland daher eine besondere Herausforderung.

Kritiker:innen, aus Umweltorganisationen und Wissenschaft, bezeichnen die neue Technologie als unwirtschaftlich. Wenn man den Preis für Bau und Betrieb auf die gesamte Lebensdauer von unterschiedlichen Energieträgern vergleicht, kostet die Produktion einer Kilowattstunde Strom durch Mini-AKWs in etwa 18 bis 50 Cent. Zum Vergleich: Windkraft erzeugt die gleiche Strommenge für maximal 14 Cent, bei Solarpanels sind es maximal elf und bei neuen Groß-AKWs etwa 13 bis 49 Cent (Kost et al., 2024). Die explodierenden Baukosten und ein Mangel an Interessenten am geplanten Nuklearstrom führten in Idaho, USA, bereits zum Abbruch eines Mini-AKW-Projekts (futurezone, 2024). Damit sich die Herstellung der Reaktoren wirtschaftlich lohnt, müssten tausende von ihnen in Serie hergestellt werden – doch so viele kleine Kernkraftwerke kann Europa gar nicht brauchen.

Kosten für die Produktion von Strom

Im Vergleich mit erneuerbaren Energien stellen Mini-AKWs keine kostengünstige Alternative dar.

Darüber hinaus stellt eine vermehrte Zahl kleiner AKWs auch ein höheres Risiko im Kriegsfall dar. Je mehr Mini-AKWs auf dem europäischen Kontinent verteilt sind – etwa wie geplant bei jedem größeren Industriebetrieb – umso mehr Ziele für Hacker- oder Raketenangriffe bietet Europa einem potenziellen Aggressor. Dafür benötigen wir folglich auch mehr Sicherheitsvorkehrungen für jedes einzelne AKW und somit noch mehr Geld. Natürlich können auch Wind- oder Solaranlagen Ziel eines Angriffs sein. Doch im Gegensatz zu einem stark beschädigten AKW führen solche Attacken im schlimmsten Fall „nur“ zu einem großflächigen Stromausfall und nicht noch zusätzlich zum nuklearen Fallout.

Damit eigene europäische Mini-AKWs Realität werden können, müsste also sehr viel Geld fließen und vor allem erst eine ganze Infrastruktur – von der alternativen Rohstoff-Lieferkette, über verarbeitende Fabriken, bis hin zum Bau und Schutz der Reaktoren selbst – errichtet werden.

Energie in erneuerbare Technologien stecken

Trotz aller Herausforderungen beginnen europäische Staaten nun in nukleare Energie zu investieren. Großbritannien und Frankreich haben milliardenschwere Projekte zur Förderung einer europäischen AKW-Infrastruktur angekündigt. Bis 2030 sollen moderne Mini-Reaktoren und nukleare Technologien entwickelt werden.

Dabei gibt es bereits erneuerbare Energieträger, die nicht nur technisch ausgereifter und billiger in Anschaffung und Betrieb sind. Auch der größte Teil der Wertschöpfungskette von Wasserkraft-, Windkraft- und Solaranlagen liegt in Europa selbst. Diese Energiequellen können derzeit somit stärker zur strategischen Energie-Unabhängigkeit beitragen als die Mini-AKWs, die in Bau, Material-Belieferung und Betrieb aufwändiger gestaltet sind.

Sowohl bei kleinen modularen Reaktoren als auch bei Windkraft, Wasserkraft und Solarenergie muss sich die Europa-Politik mit Wissenschaft und Bürger:innen abstimmen. Denn letzten Endes bestimmt die Wahl der Energiequelle und der wirtschaftlichen Beziehungen nicht nur die gegenwärtige Versorgungslage, sondern auch die klima-, energie- und geopolitische Zukunft unseres Kontinents.

Europäische Kommission. (2026, 10. März). Hinweisendes Nuklearprogramm vorgelegt gemäß Artikel 40 Euratom-Vertrag – final (COM(2026) 120 final). https://www.parlament.gv.at/dokument/XXVIII/EU/63073/imfname_11590875.pdf (Aufgerufen am 13. Mai 2026).

futurezone. (2024, 31. Mai). Sind Mini-Atomkraftwerke wirklich sinnvoll? Forscher zweifeln. https://futurezone.at/science/mini-atomkraftwerke-probleme-kosten-entwicklung-strom-energie-erneuerbar-kritik/402907167 (Aufgerufen am 13. Mai 2026).

Kost, C., Müller, P., Sepúlveda Schweiger, J., Fluri, V., & Thomsen, J. (2024). Stromgestehungskosten erneuerbare Energien (Juli 2024). Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE.

Siddi, M., & Silvan, K. (2024). Nuclear energy and international relations: The external strategy of Russia’s Rosatom. International Politics. Advance online publication. https://doi.org/10.1057/s41311-024-00618-0

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