Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt sexualisierte und tödliche Gewalt gegen Frauen
In Österreich werden durchschnittlich drei Frauen pro Monat aufgrund ihres Geschlechts ermordet. Fünfzehn Frauen haben so 2025 gewaltsam ihr Leben verloren (Amnesty International, 2024; AÖF, 2025). Femizid – der Mord an Frauen, weil sie Frauen sind, stellt die extremste Form geschlechtsbasierter Gewalt dar. Diese Morde sind ein globales Problem, von dem keine Kultur, keine Religion und keine politische oder wirtschaftliche Ordnung ausgenommen ist. Per Definition sind Femizide daher keine Einzelfälle – weder in Österreich noch anderswo –, sondern ein Symptom patriarchaler Gewalt und frauenfeindlicher Gesellschaftsstrukturen (Dawson & Vega, 2023).
Geschlechtsbasierte Gewalt ist Gewalt, die sich gegen Personen aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechts richtet.
Um als Femizid eingestuft zu werden, ist das Motiv des Mordes das entscheidende Kriterium. Dabei werden aber nicht nur solche Fälle erfasst, wo der Täter eine offenkundig frauenfeindliche Agenda hat, wie sie misogyne, sprich frauenfeindliche, Attentäter in Manifesten darlegen. Bei Femiziden handelt es sich um Tötungen, die auf einem frauenfeindlichen Wertesystem oder Gesellschaftsverständnis basieren: Der Vater als Oberhaupt und Ernährer der Familie, der Freund oder Ehemann als Besitzer „seiner“ Frau, der Bruder als Beschützer. Diese Männer glauben, über das Leben der Frauen und Mädchen bestimmen zu können und töten, wenn sie die Kontrolle verlieren. Der Begriff „Femizid“ muss daher von der Bezeichnung „Mord an einer Frau“ oder „Frauenmord“ unterschieden werden. Die Tötung einer Person, die zufällig weiblich ist, beispielsweise wenn eine Bankangestellte bei einem Banküberfall erschossen wird, ist kein Femizid. Femizide sind also Teil eines strukturellen Problems: Das verbreitete frauenfeindliche Verständnis unserer Gesellschaftsordnung, bei dem der Mann an der Spitze steht (Dawson & Vega, 2023).
Schlagzeilen
Dennoch wird das Thema überwiegend nicht als systemisches Problem wahrgenommen – auch nicht in Österreich. Dieses mangelnde Bewusstsein ist kein Zufall: „Eifersuchtsdrama“, „Mordalarm“, „eskalierter Familienstreit“ – die Berichterstattung österreichischer Medien über Femizide bedient sich regelmäßig reißerischer Schlagzeilen und verharmlosender Beschönigungen, um das Verbrechen nicht bei seinem Namen zu nennen. In den Medien, insbesondere in Boulevardzeitungen, werden tödliche Hassverbrechen gegen Frauen immer wieder als dramatische Seifenopern, spannende Krimis, skandalöse Sexskandale, von Opfern provozierte Tragödien und vor allem als Einzelfälle ohne jeglichen Zusammenhang dargestellt. Wenn sie überhaupt thematisiert werden (Meltzer, 2023).
Als Boulevardzeitungen werden Medien bezeichnet, die vereinfachte, plakative Geschichten veröffentlichen. Häufig handelt es sich um unseriöse Berichterstattung.
Hier ein paar Beispiele österreichischer Schlagzeilen der vergangenen Jahre aus unterschiedlichen Medien:
Bei Sex-Unfall erwürgt – Cobra-Polizist packt aus (Heute, 14.Jänner 2026)
Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod (oe24, 17.Jänner 2026)
Influencerin getötet: Täter sagt jetzt: “Ich habe sie doch geliebt” (Kronen Zeitung, 1. Dezember 2025)
Todesschüsse auf Ehefrau nach heimlichem Sex-Spiel im Haus (Kronen Zeitung, 5. Juni 2024)
42-Jährige im Streit von Lebensgefährten erstochen: Eifersuchtsdrama in der Steiermark (Kleine Zeitung, 29. August 2023)
„Nacht der Emotionen“: Experten warnen vor Gewaltanstieg während der Feiertage (Kurier, 11. Dezember 2019)
Familiendrama mit zwei Toten (Salzburger Nachrichten, 11. März 2018)
„Dann exlpodierte alles und er sah rot“ (derStandard, 11. Oktober 2016)
„Sie hat zu viel geredet“ (die Presse, 29. Juni 2016)
Der „Cousin“ war der Liebhaber: Mordprozess gegen einen Österreicher türkischer Herkunft in Traunstein (Salzburger Nachrichten, 6. März, 2013)
Expert:innen und feministische Aktivist:innen plädieren für eine sensible Medienberichterstattung über frauenfeindlich motivierte Tötungen und für die Verwendung des Begriffs „Femizid“. Sie betonen, dass die Sprache unsere Wahrnehmung prägt und frauenfeindliche Werte und Gewalt reproduzieren kann. Als zentrale Akteure öffentlicher Information tragen Medien eine besondere Verantwortung für Aufklärung und Prävention von Gewalt gegen Frauen (Meltzer, 2023).

Sprache und Macht
Um zu verstehen, was eine sensible Sprache ausmacht, hilft es, zuerst unsensible Beispiele zu analysieren. Die kritische Diskursforschung – ein Forschungsbereich mit vielfältigen Wurzeln in den Sprach-, Sozial- und Kognitionswissenschaften – macht es sich zur Aufgabe, Machtverhältnisse in der Sprache sichtbar zu machen. Weil sie die Wechselwirkung zwischen Sprache und sozialen Strukturen untersucht, bedient sie sich je nach Forschungskontext unterschiedlicher Methoden der Datenerhebung und -analyse.
Untersucht man nun die Femizid-Schlagzeilen und -artikel auf sprachliche und inhaltliche Gemeinsamkeiten, fallen gewisse Erzähl-Muster auf.
Bereits im Titel schreiben die Zeitungen regelmäßig aus der Sicht des Täters. Sie schildern seine Perspektive, seine Rechtfertigung, sein Motiv – und zitieren ihn sogar oft wörtlich (zum Beispiel „Sie hat zu viel geredet“). So wirkt es als gäbe es rechtfertigende Gründe für den Mord. Einige Beiträge schildern auch die Tat selbst aus den Augen des Täters:
Zwölfmal stach der mehrfach vorbestrafte Serbe auf seine Frau ein, dreimal auf seine Schwägerin. „Dann trat er auf die am Boden liegenden Frauen ein und sprang mit beiden Beinen auf den Kopf. Sein Schuhprofil war sogar im Gesicht der Gattin zu erkennen“ […]. (derStandard, 11. Oktober 2016)
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass diese Täterperspektive, die Rechtfertigung seiner Motive und die detaillierte Beschreibung des Verbrechens nicht nur die Gewalt verharmlosen, sondern auch Nachahmungstaten befeuern können (s. etwa: Correira & Neves, 2024; Torrecilla et al., 2019; Vives-Cases et al., 2009).
Die Perspektive des Opfers bekommt in den Medien demgegenüber kaum Raum. Sie kann nicht mehr für sich sprechen, denn ihr Leben wurde ihr genommen. Im Gegensatz zum Täter ist das Opfer meist passive Empfängerin von Gewalt, der Täter ist Akteur. Das verstärkt das patriarchale Rollenverständnis der widerstandslosen Frau und hebt die Sichtweise des Täters weiter hervor.
Nur, wenn es im Beitrag um sexuelle Handlungen der Frau geht, ist sie die Akteurin. Es ist eine patriarchale Erzählung, dass sexuell selbstbestimmte Frauen unanständig, unrein und beschämend sind. Schlagzeilen wie „Todesschüsse auf Ehefrau nach heimlichem Sex-Spiel im Haus“ implizieren, dass der Mord gerechtfertigt ist, wenn die Frau die Beziehung zum Täter verlassen oder eine Affäre mit einem anderen Mann hat. Diese Darstellung verfestigt ein männliches Besitzdenken: Der Täter könne über Leben und Tod „seiner“ Frau bestimmen, da sie sexuell unanständig sei und gegen seinen Willen handle. Diese Deutungen sind klassische Fälle der Täter-Opfer-Umkehr. Der Frau wird die Schuld an ihrer eigenen Ermordung gegeben.
Darüber hinaus werden Sex und romantische Beziehungen gerne als Clickbait verwendet. Je reißerischer die Formulierung – „Drama“, „Rosenkrieg“, „Sex-Unfall“ –, desto mehr interessiert sich die Leser:innenschaft für den Beitrag. Doch diese sensationalistischen Erzählungen desensibilisieren die Leser:innen und lassen das ernste gesellschaftliche Problem als spannenden, schlüpfrigen Krimi erscheinen.
Gerade die Boulevardmedien meiden häufig den Begriff Femizid, um das systemische Problem hinter den Morden zu verschleiern. Die Tat sei ein Einzelfall, verübt durch einen Wahnsinnigen oder verschuldet durch eine besonders schwierige Frau. Die Artikel betonen daher gerne eine nicht-österreichische Herkunft des Täters, selbst wenn er Staatsbürger ist. Österreichische Täter beschreiben Zeitungen dagegen oft als „Monster“ oder „Verrückte“. Zum Beispiel in diesem Artikel: „Er soll sich ja aufgeführt haben wie ein Psychopath, mit seiner Eifersucht. Sandra hatte Angst vor ihm“ (Ausschnitt Kurier, 8. November 2012).
Durch diese Erzählungen wirkt es, als hätte nicht unsere Gesellschaft ein Problem mit Frauenhass, sondern als wären Femizide entweder importierte Verbrechen aus „fremden“ Kulturen oder die Anfälle eines einzelnen Wahnsinnigen.
Aufklären und entgegenwirken
Unsere Sprache ist also nicht wertfrei. Wenn wir sie jedoch richtig einsetzen, können wir auf das systemische Frauenhass-Problem in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Das Problembewusstsein ist der erste Schritt für Gegenmaßnahmen. Einige Medien haben ihre Verantwortung bereits erkannt und klären selbst über unsensible und reißerische Berichterstattung auf.

Wichtig ist es, der individuellen Person und dem Leben des Opfers Raum zu geben. Der Ton der Berichterstattung sollte neutral gehalten sein, keine sensationalistischen Schlagwörter beinhalten und die Perspektive des Opfers und der Hinterbliebenen zeigen. Der Täter darf weder als eifersüchtig verharmlost noch als verrückt verklärt werden: Er ist ein Mann, der einen misogyn motivierten Mord begangen hat. Die Tat soll nicht aus der Täterperspektive geschildert oder zu detailreich wiedergegeben werden. So beugt man der Reproduktion von Gewaltfantasien vor und schützt Hinterbliebene sowie die Ermittlungen.
Vor allem muss der Fall in den gesellschaftlichen Kontext gesetzt werden. Das ist kein Einzelfall, sondern ein Femizid – die extremste Form der frauenfeindlichen Gewalt, die tief in unserer Gesellschaft verankert ist. Die Medien sollten ihre Reichweite nutzen und Gewaltschutz- und Beratungsnummern, sowohl für Frauen als auch für Männer, in diese Beiträge einbetten.
Johanna G. aus dem steirischen Tillmitsch war 34 Jahre alt. Sie liebte die Natur und war ein hilfsbereiter Mensch. Mutmaßlich hat ein Cobra-Beamter, zu dem Johanna eine Beziehung hatte, die junge Frau Anfang Jänner 2026 ermordet. Zusammen mit dem Mord an einer 36-jährigen, namentlich unbekannten, Niederösterreicherin durch ihren Partner stellen diese Taten die ersten beiden Femizide des Jahres 2026 in Österreich dar (profil, 2026).
In der jüngeren Geschichte haben vor allem die #MeToo-Bewegung und der Fall Gisèle Pelicot zur breitenwirksamen Aufklärung über Gewalt an Frauen beigetragen. Nach diesen Ereignissen konnte man eine sprachliche Verschiebung hin zu einer sensibleren Berichterstattung verfolgen. Manche Verbesserungen im öffentlichen Diskurs, wie die mediale Verbreitung des Begriffs „Femizid“, haben sich weitgehend gehalten. Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen in Richtung Geschlechtergleichstellung und Gewaltprävention verlaufen jedoch weiterhin langsam.
Ein sprachlicher Wandel allein reicht jedenfalls nicht aus, um dem gesellschaftlichen Problem der Femizide wirksam zu begegnen. Freiheit und Gleichstellung aller Geschlechter erfordern Veränderungen auf mehreren Ebenen – ökonomisch, politisch, sozial und privat. Doch es ist nicht egal, wie wir über geschlechtsbasierte Gewalt sprechen. Mit unseren Worten können wir die patriarchalen Erzählungen herausfordern und die Missstände in unserer Gesellschaft aufzeigen.
Hilfe bei Gewalt:
Frauenhelpline (Mo–So, 0–24 Uhr, anonym und kostenlos): 0800 / 222 555
Gewaltschutzzentren (anonym und kostenlos): 0800 / 700 217
LEFÖ-IBF – Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels: +431796 92 98
Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF): Kontaktadressen aller Frauenhäuser in Österreich. Opfer von Gewalt können in jedem Bundesland Gewaltschutzzentren aufsuchen, auch ohne Anzeige: 0800 / 700-217
Männerberatung Wien (Mo–So, 0–24 Uhr, anonym und kostenlos):
+43 1 603 28 28; E-Mail: info@maenner.at
Männernotruf (Mo–So, 0–24 Uhr, anonym und kostenlos): 0800 / 246 247
Amnesty International. (2024). Tödliche Gewalt an Frauen: Femizide in Österreich und weltweit verhindern. https://www.amnesty.at/themen/frauenrechte/toedliche-gewalt-an-frauen-femizide-in-oesterreich-und-weltweit-verhindern/ (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
Breščaković, D. (2025, 13. Dezember). 16 Frauen, 16 Leben, ausgelöscht. profil Nachrichtenmagazin. URL
Correia, A., & Neves, S. (2024). Newspaper headlines and intimate partner femicide in Portugal. Social Sciences, 13(3), Article 151. https://doi.org/10.3390/socsci13030151
Dawson, M., & Mobayed Vega, S. (2023). Femicide and feminicide: A growing global human rights movement. In M. Dawson & S. Mobayed Vega (Eds.), The Routledge international handbook on femicide and feminicide (S. 3–14). Routledge.
Meltzer, C. E. (2023). Gewalt gegen Frauen in den Nachrichten. Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung.
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/femizid-2023/519673/gewalt-gegen-frauen-in-den-nachrichten/ (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
Torrecilla, J. L., Quijano-Sánchez, L., Liberatore, F., López-Ossorio, J. J., & González-Álvarez, J. L. (2019). Evolution and study of a copycat effect in intimate partner homicides: A lesson from Spanish femicides. PLOS ONE, 14(10),
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0224840
Vives-Cases, C., Torrubiano-Domínguez, J., & Álvarez-Dardet, C. (2009). The effect of television news items on intimate partner violence murders. European Journal of Public Health, 19(6), (S. 592–596). https://doi.org/10.1093/eurpub/ckp086
Der Standard. (11.10.2016). „Dann explodierte alles, und er sah rot“. Der Standard.
Kleine Zeitung. (29.08.2023). 42-Jährige im Streit von Lebensgefährten erstochen. Kleine Zeitung.https://www.kleinezeitung.at/steiermark/6317845/Mordalarm-in-Fuerstenfeld_Motiv-Eifersucht_42Jaehrige-von (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
König-Krisper, M., & Budin, C. (05.06.2024). Todesschüsse auf Ehefrau nach heimlichem Sex-Spiel im Haus. Kronen Zeitung. (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
Kopt, R. (17.01.2026). Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod. oe24. https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/tinder-affaere-brachte-fitnesstrainerin-34-den-tod/665423008 (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
Prewein, M. (2025, December 1). Influencerin getötet: Täter sagt jetzt: „Ich habe sie doch geliebt“. Kronen Zeitung. https://www.krone.at/3974447 (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
Salzburger Nachrichten. (06.03.2013). Der „Cousin“ war der Liebhaber: Mordprozess gegen einen Österreicher türkischer Herkunft in Traunstein. Salzburger Nachrichten.
Salzburger Nachrichten. (04.01.2018). Familiendrama mit zwei Toten. Salzburger Nachrichten.
Strohmayer, M., & Auer, K. (11.12.2019). „Nacht der Emotionen“: Experten warnen vor Gewaltanstieg während der Feiertage. Kurier.
Tomsits, C., & Wilding, A. (14.01.2026). Johanna G. (34) ist tot: „Bei Sex-Unfall erwürgt“ – Cobra-Polizist packt aus. Heute. https://www.heute.at/s/bei-sex-unfall-erwuergt-cobra-polizist-packt-aus-120155291 (aufgerufen: 29. Jänner 2026)
