Diesen Artikel veröffentlichen wir im Rahmen unseres Themenschwerpunkts Crime. Unter diesem Überbegriff debattieren wir bei alexandria über berühmte Verbrecher, die DNA-Analyse, Profiling und mehr.
Der Name Karl May wird meist mit Winnetou, dem Wilden Westen oder ganz allgemein mit dem Begriff Abenteuerroman in Verbindung gebracht. Weniger bekannt ist dagegen, dass der Autor vor seiner Karriere als Schriftsteller mehrfach wegen Betrugs, Diebstahls und Amtsanmaßung verurteilt wurde. Und genau hier wird es interessant: Denn Karl May schrieb nicht nur Geschichten über Helden – er erschuf über Jahrzehnte hinweg das Bild für seine Leser:innen, selbst einer zu sein. Der Fall Karl May ist damit ein erstaunlich vielschichtiger Crime-Fall
Laut dem österreichischen Straßgesetzbuch ist Amtsanmaßung eine Straftat, bei der eine Person vorgibt, die Befugnis für eine öffentliches Amt oder die Entscheidungskrafft zu deren Handlungen zu besitzen.
Kerzen, Uhren und ein zerstörter Lebensweg
Karl May wurde 1842 in Deutschland geboren, als eines von vierzehn Kindern, von denen nur fünf das Erwachsenenalter erreichten. Sein Vater setzte große Hoffnungen in den Sohn und ließ ihn dafür büffeln – zur Leistungsoptimierung gab es auch körperliche Strafen. Karls Traum war es, Arzt zu werden. Leisten konnte sich die Familie das nicht, also begann er eine Ausbildung zum Lehrer.
1859 kam es zu seinem ersten Konflikt mit der Obrigkeit: Für das Weihnachtsfest mit der Familie nahm er einige Kerzen aus dem Lehrerseminar, da diese sich keine leisten konnte. Die Seminarleitung reagierte weit härter als die Situation es verlangte und schloss ihn wegen „sittlicher Unwürdigkeit" (Kramer, 2011, S. 45) aus. Nach einem Gnadengesuch und mehreren Prüfungen schaffte er den Wiedereinstieg. Doch die Realität holte ihn bald wieder ein: Weihnachten 1861 nahm er die Taschenuhr seines Vermieters mit nach Hause. Diese hatte er sich für den Unterricht regelmäßig ausleihen dürfen. Als er nach Schulschluss direkt zu seiner Familie aufbrach, vergaß er jedoch, die Uhr wie üblich zurückzulegen. Der Vermieter erstattete Anzeige, Karl wurde noch am Weihnachtsabend verhaftet und zu sechs Wochen Haft verurteilt (Kramer, 2011).

Zwei Weihnachtsfeste, zwei Vorwürfe: 1859 der Kerzendiebstahl, 1861 die sogenannte Uhrenaffäre.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Der spätere Autor von Geschichten über Gerechtigkeit und Heldenmut stolperte selbst gleich zweimal über dieselbe Frage – was einem gehört und was nicht.
Hochstapelei, Haft und falsche Identitäten
Mit der sogenannten Uhrenaffäre endete Karl Mays Karriere als Lehrer endgültig. Nach seiner sechswöchigen Haftstrafe verschlechterte sich seine Situation zunehmend. Der Wiedereinstieg in den Schuldienst blieb ihm verwehrt, gleichzeitig geriet er sozial und finanziell immer stärker unter Druck (Kramer, 2011).
In den folgenden Jahren rutschte May immer tiefer in die Kriminalität ab. Er trat unter verschiedenen falschen Identitäten auf, gab sich unter anderem als Arzt, Lehrer oder Angehöriger adeliger Familien aus und erschwindelte sich damit Kleidung, Geld oder andere Wertgegenstände. 1865 wurde er schließlich wegen Betrugs zu mehreren Jahren Arbeitshaus verurteilt. Diese Haft sollte sich jedoch als Wendepunkt erweisen: Durch die Unterstützung einzelner Mitarbeiter des Arbeitshauses erhielt May Zugang zur Gefängnisbibliothek mit mehreren tausend Büchern. Die Fähigkeiten, mit denen er zuvor falsche Identitäten konstruiert hatte, verlagerten sich damit nach und nach vom realen Leben in die Literatur (Kramer, 2011).
Arbeitshäuser wurden im Laufe der Geschichte häufig als Züchtigungs- und Unterbringungsorte für (häufig kleinkriminelle) Arbeitslose verwendet. Häufig mussten die Insass:innen schwere körperliche Arbeit leisten. Als Ziel galt offiziell, die Menschen arbeitswillig zu machen.
Zwar wurde Karl May 1868 vorzeitig entlassen, doch seine Situation stabilisierte sich nicht dauerhaft. In autobiografischen Rückblicken beschreibt er diese Zeit als Phase starker innerer Konflikte, psychischer Krisen und wachsender Rachegefühle gegenüber einer Gesellschaft, von der er sich ausgeschlossen fühlte. Gleichzeitig geriet er erneut mit dem Gesetz in Konflikt und beging weitere Betrugs- und Diebstahlsdelikte unter wechselnden falschen Identitäten (Kramer, 2011).
1870 wurde May schließlich erneut verhaftet. Dieses Mal als vermeintlicher „Schriftsteller Heiches aus Dresden, natürlicher Sohn des Prinzen von Waldenburg“ (Kramer, 2011, S. 60). Für einen Mann ohne Adelstitel war das eine bemerkenswert ambitionierte Selbstbeschreibung. Das Bezirksgericht verurteilte ihn daher zu vier Jahren Zuchthaus. In Einzelhaft musste er Zigarren drehen – eine Episode, die später Spuren in seinem Werk hinterlassen sollte: Sein Alter Ego Old Shatterhand ist ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher (Kramer, 2011).
Im Gegensatz zum Arbeitshaus war ein Zuchthaus für Straffällige gedacht, denen eine mehrjährige Haft bevorsteht. Auch Insass:innen in einem Zuchthaus mussten harte Arbeit verrichten und waren häufig auch mit körperlichen Züchtigungen konfrontiert.
Erst ein katholischer Gefängnisseelsorger ermunterte May ernsthaft zum Schreiben. 1872 erschienen seine ersten nachweisbaren Publikationen. Am 2. Mai 1874 wurde er entlassen. Einem Aufseher, der meinte, er sei neugierig, wann May wohl wiederkehre, soll May geantwortet haben: „Herr Schließer, mich sehen Sie hier nie wieder“ (Kramer, 2011, S. 61).
Ein Krimineller erfindet sich neu
Nach seiner endgültigen Entlassung aus dem Zuchthaus traf Karl May auf eine Gesellschaft, in der Unterhaltungsromane und Zeitschriften gerade einen enormen Boom erlebten. Der Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer, der nicht gerade für seine Skrupel bekannt war, stellte den ehemaligen Häftling schließlich als Redakteur ein. Sein Motiv dabei war wenig edel: „Solche Leute hat man im Sack. Sie müssen tun, was man will, damit man ihre Vergangenheit nicht erfährt. So ein bestrafter Schriftsteller schreibt gern um den geringsten Preis“ (Kramer, 2011, S. 64f). Gleichzeitig wurde May vom Verlag als „Doktor“ tituliert – für den gesellschaftlich abgestürzten May bedeutete diese Form der Anerkennung offenbar viel, sodass er die ihm zugeschriebene Rolle bereitwillig annahm (Kramer, 2011). Gleichzeitig entstanden jene Abenteuerfiguren, aus denen später Old Shatterhand und Winnetou hervorgehen sollten.
In den folgenden Jahren entwickelte sich May vom ehemaligen Häftling zu einem routinierten Unterhaltungsschriftsteller. Er bediente die wachsende Nachfrage nach Reise-, Abenteuer- und Exotikliteratur, verband historische Stoffe mit spannenden Handlungsmustern und bewies ein bemerkenswertes Gespür für die Erwartungen seines Publikums. 1875 erschien mit „Inn-nu-woh“ erstmals jene Figur, aus der wenig später Winnetou hervorgehen sollte. Bereits hier zeigte sich eine Arbeitsweise, die May sein ganzes Leben begleiten würde: Figuren, Motive und ganze Handlungsstränge wurden immer wieder verändert, erweitert und neu erzählt.
Zum Missfallen seines Verlegers kündigte May 1877 schließlich bei Münchmeyer und wagte den Schritt als freier Autor. Aus dem ehemaligen Häftling war innerhalb weniger Jahre ein gefragter Unterhaltungsschriftsteller geworden.
Als Held verkleidet
Mit wachsendem Erfolg begann sich die Grenze zwischen Karl May als Autor und seinen Figuren zunehmend aufzulösen – und nicht nur in der Vorstellung seiner Leser:innen. Seinen nächsten Konflikt mit der Justiz handelte sich May 1879 ein, als er behauptete, die Ermittlung, „von der Regierung eingesetzt und etwas höheres, wie der Staatsanwalt“ (Kramer, 2011, S. 81) zu sein. Er ermittelte demnach buchstäblich wie seine eigene Romanfigur und wurde wegen Amtsanmaßung verurteilt.
Den Anfang der öffentlichen Legende machte jedoch nicht May selbst, sondern sein Verleger: Auf eine Leseranfrage behauptete die Redaktion 1880, May habe „alle jene Länder bereist, welche den Schauplatz der Abenteuer bilden“ und reise „gegenwärtig in Russland“ (Kramer, 2011, S. 83). May ließ diese Lüge nicht nur zu – er lebte sie aus. Er ließ sich fotografieren, verkleidet als seine eigenen Figuren, empfing Besucher:innen als Old Shatterhand und präsentierte Requisiten als echte Abenteuerreliquien.

Karl May in der Rolle des Kara Ben Nemsi, 1896. Quelle: Wikimedia Commons
In einem Brief an den Stuttgarter Professor Gustav Jäger schrieb er 1894: „Ich habe jene Länder wirklich bereist und spreche die Sprachen der betreffenden Völker. [...] Kurz, ich bin wirklich Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi“ (Kramer, 2011, S. 134). Gleichzeitig wurde die Figur des weltreisenden Abenteurers gezielt vermarktet. Auf Leseranfragen verschickte man Antwortkarten, wonach May „gegenwärtig auf einer Reise um die Erde“ sei (Kramer, 2011, S. 135).

Karl May als Old Shatterhand, 1896. Quelle: Wikimedia Commons.
Die Old-Shatterhand-Legende war jedoch mehr als ein geschickter Werbetrick. Der ehemalige Betrüger und Hochstapler erschuf sich mit seinen Romanhelden eine neue Identität: die des moralisch überlegenen Weltreisenden und Lehrers seiner Leser:innen. Aus den erfundenen Rollen seiner Jugend war eine literarische Figur geworden, an die schließlich Millionen Menschen glaubten.
Die Vergangenheit schlägt zurück
Doch die Wirklichkeit erwies sich als weit weniger beherrschbar als die Welt seiner Romane. Als May 1899 tatsächlich zu seiner lang ersehnten Orientreise aufbrach, nutzte er jede Gelegenheit, um den Eindruck zu nähren, nun tatsächlich auf den Spuren Kara Ben Nemsis zu wandeln. Aus Ägypten und Palästina schickte er Postkarten an Bewunderer, kündigte weitere Reisen durch den Nahen Osten an und ließ die Grenzen zwischen Autor und Romanfigur weiter verschwimmen.
Gleichzeitig zeigte die Reise ihm die Diskrepanz zwischen seinen literarischen Fantasiewelten und der Realität. Die Belastungen führten zu psychischen Krisen und erschütterten zunehmend das Selbstbild, das ihm jahrelang Halt gegeben hatte (Kramer, 2011).
Während May im Orient unterwegs war, begann in Deutschland jedoch ein Skandal, der ihn bis an sein Lebensende verfolgen sollte. Kritiker stellten nicht nur die literarische Qualität seiner Werke infrage, sondern griffen die Glaubwürdigkeit seiner gesamten öffentlichen Persona an. Im Zentrum stand dabei eine einfache, aber folgenreiche Frage: War der gefeierte Weltreisende tatsächlich jemals an den Orten gewesen, die er so anschaulich beschrieb? Der Journalist Fedor Mamroth stellte diese Frage öffentlich und verwies darauf, dass für viele der angeblichen Reisen keine Belege existierten. Zudem hatte May nachweislich zahlreiche Informationen aus Reiseberichten und Fachliteratur übernommen. Aus literarischer Kritik wurde rasch ein Angriff auf seine Glaubwürdigkeit als Person (Kramer, 2011).
Die Vorwürfe trafen einen empfindlichen Punkt. Jahrzehntelang hatte May den Eindruck genährt, seine Abenteuer selbst erlebt zu haben. Nun begannen Gegner, Journalisten und ehemalige Geschäftspartner, seine Selbstdarstellungen systematisch zu überprüfen. Dabei rückten nicht nur die Reiseromane, sondern auch seine Vergangenheit in den Mittelpunkt. Die Vorstrafen wegen Betrugs, Diebstahls und Amtsanmaßung, die lange Zeit kaum bekannt gewesen waren, wurden erneut öffentlich diskutiert. Aus dem gefeierten Schriftsteller wurde in den Augen vieler Kritiker wieder der ehemalige Sträfling Karl May (Kramer, 2011).
May wehrte sich mit zahlreichen Klagen gegen seine Gegner, doch die Auseinandersetzungen entwickelten eine Eigendynamik. Verleumdungsprozesse, Gegendarstellungen und öffentliche Anschuldigungen beschäftigten Gerichte über Jahre hinweg. Die Konflikte erreichten 1907 einen Höhepunkt, als die Villa Shatterhand im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens durchsucht wurde. Für May, der Jahrzehnte zuvor selbst hinter Gefängnismauern gesessen hatte, muss die Anwesenheit der Kriminalbeamten wie eine Rückkehr seiner Vergangenheit gewirkt haben (Kramer, 2011).
Besonders schwer wog dabei, dass viele Gegner seine Jugendverbrechen nicht als überwundene Fehltritte betrachteten, sondern als Beweis für einen angeblich unveränderlichen Charakter. In Anlehnung an die damals populären kriminalanthropologischen Theorien Cesare Lombrosos wurde May sogar als „geborener Verbrecher“ bezeichnet (Kramer, 2011, S. 179). Damit stand nicht mehr nur sein Werk zur Debatte. Die Öffentlichkeit diskutierte nun die grundsätzliche Frage, ob sich ein Mensch von seiner kriminellen Vergangenheit lösen könne oder für immer durch sie bestimmt werde. Zwischen Betrüger, Bestsellerautor, moralischem Prediger und Abenteuerheld verschwammen die Grenzen zunehmend. Aus dem ehemaligen Straftäter war ein Mythos geworden – und schließlich ein Mann, der an diesem Mythos zu zerbrechen drohte (Kramer, 2011).
Die Kriminalanthropologie versuchte in früheren Zeiten, Menschen aufgrund ihrer Außenerscheinung, beispielsweise ihrer Schädelform, als Verbrecher zu entlarven. Heute wird die kriminologische Teildisziplin auch häufig Kriminalbiologie genannt und untersucht die körperlichen und genetischen Merkmale von Straftätern.
Die Auseinandersetzungen um Karl May wurden zunehmend vor Gericht ausgetragen. Über Jahre hinweg standen sich Kritiker, Verleger und der Autor selbst in zahlreichen Verfahren gegenüber. Einer der bekanntesten Prozesse endete 1911 mit einem Erfolg für May: Rudolf Lebius durfte ihn nicht länger öffentlich als Betrüger und Hochstapler bezeichnen. Doch die jahrelangen Auseinandersetzungen hatten ihren Preis: Seine Gesundheit war inzwischen stark angegriffen und der Kampf um seine öffentliche Reputation sollte ihn bis zu seinem Tod begleiten (Kramer, 2011).
Zwischen Mythos und Wirklichkeit
Karl Mays Geschichte zeigt, dass Verbrechen nicht immer dort enden, wo ein Gerichtsurteil gesprochen wird. Seine frühen Betrugsdelikte prägten nicht nur sein Leben, sondern auch die Figuren und Legenden, die er später erschuf. Aus einem jungen Mann, der wiederholt fremde Identitäten annahm, wurde ein Autor, der schließlich selbst zur literarischen Figur wurde. Gerade darin liegt die besondere Verbindung zum Thema Crime: Nicht nur die Straftaten selbst sind bemerkenswert, sondern die Frage, wie eng Wahrheit, Fiktion und Selbstinszenierung manchmal miteinander verwoben sein können.
Kramer, T. (2011). Karl May: Ein biografisches Porträt. Herder.
