Newsletter Graphik

Die Welt der Wissenschaft

Newsletter

Pfeil nach unten
Pfeil nach unten
Mahnmal

Erinnern, verdrängen oder doch ganz vergessen? Warum sich ein kritischer Blick auf die Denkmäler, Mahnmäler und Gedenktafeln unserer Heimatstädte lohnt, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Warum das wichtig ist: Kollektive identifizieren sich unter anderem durch die Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit. Doch was, wenn dabei problematische Narrative vorherrschen und die Erlebnisse bestimmter Gruppen außen vor gelassen werden? Um nachvollziehen zu können, wie eine Gesellschaft ihr kollektives Gedächtnis entwickelt, gilt es, ihre Aufarbeitung mit der eigenen Vergangenheit kritisch zu analysieren. So können auch Gruppen, die bisher nicht gehört wurden, Anerkennung für ihre Opfererfahrung erfahren.

Dynamisch und umkämpft

Gesellschaftliche Erinnerung und Gedächtnisbildung sind „keineswegs neutral[e]“ (Uhl, 2010, S. 8) Phänomene – vielmehr werden sie geprägt von Fragen nach Identität, etwa durch die bewusste Konstruktion eines Selbstbildes auf staatlicher Ebene (Assmann, 2018). Der Auftrag von geistes- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen ist es deshalb, zu identifizieren, welche hegemonialen Denkmuster und Machtstrukturen innerhalb einer Gesellschaft vorherrschen und wie diese auf Erinnerung und Gedächtnisbildung wirken (Radonić & Uhl, 2016). Was bedeutet es zum Beispiel, wenn innerhalb einer Täter:innengesellschaft ebenjene Verantwortlichen von Verbrechen und Schuld die alleinige Deutungshoheit über die Vergangenheit besitzen? Was, wenn an bestimmte Aspekte des Vergangenen nur lückenhaft erinnert wird, wenn sie umgedeutet oder gar ausgeblendet werden?
Gleichzeitig ist Erinnerung aufgrund ihres „konstruktive[n] Charakter[s]“ (Erll, 2017, S. 6) ein stark „dynamisches Konzept“ (Uhl, 2010, S. 5). So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Gedächtnis einer Gesellschaft nicht festgeschrieben, einheitlich und dauerhaft ist, sondern in Form von Aushandlungsprozessen innerhalb der öffentlichen Arena regelmäßig herausgefordert, destabilisiert und sogar dauerhaft verändert werden kann. Auch hier können die Geistes- und Sozialwissenschaften Abhilfe schaffen, indem sie Konflikte, Verhandlungen und Veränderungen identifizieren und erklären (Radonić & Uhl, 2016).

Erinnerung im öffentlichen Raum

Hinsichtlich des materiellen Ausdruckes von Erinnerung, etwa in Form von Denkmalen, übernimmt öffentlicher Raum die Rolle des primären Austragungsortes erinnerungskultureller Diskussionen, beispielsweise wenn mittels umkämpfter Aushandlungsprozesse darüber entschieden wird, in welcher Form im städtischen Raum Erinnerung sichtbar gemacht wird. Dass diese Debatten nicht immer einfach sind, zeigt sich besonders dann, wenn es um den Ausdruck von schuldbelasteten Ereignissen geht (Radonić & Uhl 2016; Uhl, 2016).
Gerade die Frage nach der Positionierung von Erinnerung bietet dabei viel Raum für kritische Analysen. Die Historikerin Heidemarie Uhl nennt in ihrem 2003 erschienenen Artikel Gedächtnisorte für die Opfer des NS-Regime die österreichische Gedächtnislandschaft als Beispiel, in welcher sich lokal herrschende Erinnerungshierarchien identifizieren lassen. So stellt sie fest, dass Gefallenen-Denkmale des Ersten und Zweiten Weltkrieges oftmals zentral im jeweiligen Stadt- oder Dorfkern präsent sind, wohingegen die öffentliche Erinnerung an Verfolgte des NS-Regimes an den Rand des öffentlichen Raumes verbannt wurden. Uhl identifiziert dabei auch einen Zusammenhang zwischen dem gänzlichen Fehlen materieller Erinnerungsformen und der nicht vorhandenen Aufarbeitung von Vergangenheit. So können laut Uhl fehlende Objekte als „ein Symbol für die Schweigestellen der öffentlichen und privaten Narrationen über die Vergangenheit“ (Uhl, 2003, S. 5) gewertet werden.
Gleichzeitig bietet auch die künstlerische Umsetzung materieller Erinnerung häufig Anlass für Diskussionen. Als Beispiel ist hierbei das Wiener „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ zu nennen, bei dem die Figur des „knienden und straßenwaschenden Juden“ für viel Kritik gesorgt hat. Bemängelt wurde dabei die alleinige Repräsentation des erniedrigten Opfers, während zeitgleich die Täter:innen-Darstellung ausblieb. In diesen Fällen können nachträgliche Kontextualisierungen Abhilfe schaffen – im Fall des Wiener Mahnmals etwa die Installation „The Missing Image“ von Ruth Beckermann, welche die fehlende Darstellung der Täter:innen filmisch nachholte und somit diesen Teil des Objektes kontextualisierte (Uhl, 2016).

Aufarbeitung im städtischen Kontext

Eine genaue Betrachtung des öffentlichen Raumes eignet sich demnach nicht nur, um bestehende Erinnerung nachzuvollziehen – auch der Weg dorthin, also die Aufarbeitung von Vergangenheit, z.B. der schuldbehafteten NS-Zeit, und dem daraus resultierten gesellschaftlichen Gedächtnis kann so verstanden werden. Besonders spannend ist es dabei, den Blick auf die eigene Heimatstadt zu richten. Meine Geburtsstadt, die oberbayerische Großstadt Ingolstadt, bietet dabei für kritische Analysen eine äußerst interessante Ausgangsposition: So verfügt die Stadt einerseits über eine Vielzahl stadtgeschichtlicher Höhepunkte, welche regelmäßig kulturell und touristisch aufgearbeitet werden. Gleichzeitig befindet sich die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit noch in den Kinderschuhen.
Mein Ziel war es deshalb, mithilfe eines Mixed Methods-Ansatzes eine kritische Analyse der Aufarbeitung und Erinnerung der nationalsozialistischen Vergangenheit Ingolstadts anhand der im Stadtgebiet befindlichen materiellen Erinnerungsformen (Denk- und Mahnmale, Gedenksteine und -tafeln, Stolpersteine) sowie der in diesem Zusammenhang geführten innerstädtischen Diskurse vorzunehmen. Als theoretische Grundlage dienten dabei die Überlegungen der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann zu Begriffen und Dynamiken gesellschaftlicher Erinnerung und Gedächtnisbildung. Für die Analyse der entsprechenden Objekte orientierte sich die Arbeit wiederum am methodischen Vorgehen der Kulturwissenschaftlerin Mechtild Gilzmer, welche in ihrer Untersuchung Denkmäler als Medien der Erinnerungskultur in Frankreich seit 1944 ikonografische Analysen französischer Kriegerdenkmäler vornimmt. Parallel dazu wurde eine Analyse der jeweiligen medialen Berichterstattung über diese Objekte vorgenommen, um Diskurse und Veränderungen innerhalb des städtischen Verständnisses von Aufarbeitung und Erinnerung zu erkennen. Methodisch wurde sich dabei an der Kritischen Diskursanalyse (KDA) nach Siegfried Jäger orientiert, welche, aufbauend auf die Arbeiten Michel Foucaults und Jürgen Links, Diskurse und deren Auswirkung auf Macht und Herrschaft untersucht (Jäger &  Zimmermann, 2010).

Repräsentation vs. Nicht-Repräsentation

Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen dabei die theoretischen Überlegungen, dass die Aufarbeitung und Erinnerung der nationalsozialistischen Vergangenheit im städtischen Kontext nachvollzogen werden kann. So ergab die Analyse der untersuchten Objekte des ersten Untersuchungszeitraums (1967 – 1996), dass sich die städtische Erinnerung innerhalb dieser Phase alleinig auf militärische Opfer und Vertriebene fokussiert, beispielsweise durch das Einlassen von Gedenksteinen für Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Opfer nationalsozialistischer Verfolgung werden in dieser Zeit weder durch eigene Objekte im Stadtbild bedacht, noch kommen sie innerhalb des städtischen Diskurses zu Wort, denn auch dieser wird von Vertreter:innen von Militär- und Vertriebenenverbänden dominiert. Anhand dieses Beispiels lässt sich nachvollziehen, wie einseitig gesellschaftliche Erinnerung wird, wenn deren Konstruktion von einigen wenigen Akteur:innen dominiert wird. Gleichzeitig kann dieses Fehlen von Erinnerung im städtischen Raum mit einer nicht stattfindenden öffentlichen Auseinandersetzung der eigenen Verantwortlichkeit am NS-Terror gleichgesetzt werden. Als erinnerungswürdig anerkannt werden demnach nur militärische und zivile Akteur:innen, sodass beispielsweise die Traumata Ingolstädter:innen jüdischen Glaubens, politisch Verfolgter oder auch ziviler ausländischer Opfer des nationalsozialistischen Angriffskrieges, keinerlei Erwähnung und folglich auch keine Anerkennung erfahren.

Vertriebenenstein Ingolstadt

Abbildung 1: Der 1968 errichtete „Vertriebenstein“ erinnert an Vertriebene - noch heute mit dem problematischen Narrativ des „Deutschen Ostens 1945". (@ Autorin)

Welcher Erinnerung wird Raum gegeben?

Erst Mitte der 1990er Jahre erfolgt in Ingolstadt ein erstmaliges, vorsichtiges Aufbrechen des bisher praktizierten Beschweigens nationalsozialistischer Verbrechen, welches auch durch Veränderungen im Stadtbild und diverser Diskurse nachvollzogen werden kann. So wird im Jahr 1996 durch eine politische Initiative erstmals Ingolstädter Bürger:innen jüdischen Glaubens im Stadtbild gedacht – in Form eines „Provisorischen Erinnerungsmahls“ vor der ehemaligen Synagoge. Auch das vorherrschende Gedenken wird durch dieses Engagement und der damit verbundenen Planung einer neuen Gedenkstätte erstmalig zur Disposition gestellt.
Trotz dieses Einsatzes findet in der finalen Umsetzung des 1998 errichteten zentralen Mahnmals keine vollständige Abgrenzung zum bisherigen Gedenken statt. So manifestiert sich durch die Eingliederung neuer, für unterschiedliche NS-Opfergruppen geschaffener Objekte in die bestehenden Krieger- und Vertriebenendenkmale eine problematische fehlende räumliche und inhaltliche Abgrenzung zwischen potentiellen Täter- und tatsächlichen Opfergedenken. Die alten Denkmalanteile wurden dabei auch keiner nachträglichen Kontextualisierung unterzogen, etwa hinsichtlich der Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Hieraus ergibt sich eine fast schon widersprüchliche Frontstellung innerhalb des städtischen Gedenkens, welches weiterhin das bisherige selektive Erinnern zulässt und dabei nationalsozialistische Verfolgung bagatellisiert, indem es eine einfache Eingliederung der Opfer der Shoah in militärisches Gedenken vornimmt. Dabei war es nicht verwunderlich, dass die Analyse des zeithistorischen Diskurses einen nach wie vor starken Einfluss von Akteur:innen erkennen ließ, welche sich gegen ein alleiniges Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus eingesetzt hatten.

Provisorisches Erinnerungsmahl Ingolstadt

Abbildung 2: Das provisorische Mahnmal für die Opfer der Shoah (@ Gerda Büttner-Biernath)

Neue Generation, neue Erinnerung

Mit Beginn der 2000er Jahre konnte in Ingolstadt ein weiteres erinnerungsspezifisches Phänomen erkannt werden, welches sich sowohl im Stadtbild als auch im städtischen Diskurs manifestierte. So führte das Engagement einer Gruppe Schüler:innen eines städtischen Gymnasiums zur Verlegung von „Stolpersteinen“ in der Ingolstädter Altstadt. Aleida Assmann stellt in diesem Zusammenhang fest, dass sich das Wirken einer solchen kritischen Generation positiv auf das gesamtgesellschaftliche Gedächtnis auswirken kann, da diese mit neuen Werten und Umgangsformen bestehende Vergangenheitsbildern herausfordern (Assmann, 2018). Auch in Ingolstadt kann eine solche Veränderung im „Erinnerungsprofil“ (S. 27) der Stadt erkannt werden – nicht nur unmittelbar im Stadtbild durch die Verlegung der messingenen Pflastersteine direkt vor den Wohnungen emigrierter, deportierter oder ermordeter Ingolstädter Bürger:innen. Auch der zeitgenössische Diskurs weist eine zunehmende Sensibilisierung bezüglich erinnerungskultureller Thematiken auf. So wird ab dieser Phase beispielsweise nicht mehr nur abstrakt von „Opfern“ gesprochen, sondern von „Ingolstädter jüdischen Glaubens“ (Donaukurier, 2012, S. 23) oder schlicht „Ingolstädter Bürgern“ (S. 23).

Stelen Mahnmal Ingolstadt

Abbildung 3: Am zentralen Mahnmal der Stadt trifft potentielles Täter- an tatsächliches Opfergedenken. (@ Autorin)

Erinnerung ist nicht gleich Erinnerung

Der kritische Blick durch knapp sechs Jahrzehnte Aufarbeitung und Erinnerung in Ingolstadt bestätigt also, dass sich Erinnerungen nicht nur untereinander „kreuzen, modifizieren, polarisieren“ (Assmann, 2018, S. 17), sondern auch gegen „Impuls[e] des Vergessens“ (S. 17) ankämpfen. Die daraus resultierenden Antworten bezüglich Opfergruppen, aber auch an Täterschaft und Schuld der nationalsozialistischen Vergangenheit, können als Ergebnis eines jahrzehntelangen, mitunter kontrovers diskutierten und zeitweise sogar verweigerten Aufarbeitungsprozesses erkannt werden, welcher sich nicht nur anhand verschiedenster materieller Ausdrucksformen, sondern auch in den dazugehörigen städtischen Debatten vollzogen hat – und sicher auch in Zukunft die ein oder andere Modifizierung durchlaufen wird.

Nina Wedgbury hat zunächst Anglistik, Politikwissenschaften und Geschichte an den Universitäten Passau und Eichstätt-Ingolstadt studiert. Im Rahmen ihres interdisziplinären Masterstudiengang „Zeitgeschichte und Medien“ an der Universität Wien hat sie sich neben der Untersuchung von Diskursen zu den Themen Klima und Heimat vor allem mit verschiedenen Formen der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschäftigt. Deren Auswirkungen auf städtische Erinnerungskultur konnte sie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit am Beispiel von materiellen Erinnerungsformen ihrer Heimatstadt Ingolstadt untersuchen.
Nina ist auf Instagram unter @ninajudithh zu finden und twitter als @NinaJudithh.

Assmann, Aleida (2018): Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck.

Donaukurier (2012): Schicksale pflastern den Weg. In: Donaukurier, https://www.donaukurier.de/lokales/ingolstadt/Ingolstadt-Schicksale-pflastern-den-Weg;art599,2578702 [01.03.2021].

Erll, Astrid (2017): Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen: eine Einführung. Stuttgart: J.B. Metzler.

Jäger, Siegfried; Jens Zimmermann (2010): Lexikon kritische Diskursanalyse. Eine Werkzeugkiste. Duisburg Münster: Unrast-Verlag.

Uhl, Heidemarie (2003): Gedächtnisorte für die Opfer des NS-Regimes – Orte des Gedenkens, Orte der Reflexion über das Erinnern. In:
     Historische Sozialkunde 4, S. 4 – 8.

Uhl, Heidemarie (2010): Warum Gesellschaften sich erinnern. In: Erinnerungskulturen 32, S. 5 – 14.

Uhl, Heidemarie (2016): From the Periphery to the Center of Memory: Holocaust Memorials in Vienna. In: Dapim: Studies on the
     Holocaust, 30
, S. 221 – 242.

Uhl, Heidemarie & Ljiljana Radonić (2016): Zwischen Pathosformel und neuen Erinnerungskonkurrenzen. Das Gedächtnis-Paradigma zu
     Beginn des 21. Jahrhunderts. Zur Einleitung. In: Uhl, Heidemarie & Ljiljana Radonic (Hrsg.): Gedächtnis im 21. Jahrhundert: zur
     Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs
. Wiesbaden: transcript Verlag.

Weitere Artikel