November, 2025: Simon Hochleitner empfängt eine SMS: „Wäre noch eine Begehung geplant oder ist das eher eine abgeschlossene Sache? Danke.“ Der Adressat ist PhD-Student an der Kunstuniversität Linz und gemeint ist die Begehung des Goldbergkees, ein Gletscher im Naturschutzgebiet Hohe Tauern, südöstlich unterhalb des auf 3106 Meter gelegenen Hohen Sonnblicks. Die Antwort folgt prompt: „Dieses Jahr gehen wir leider nicht mehr auf den Gletscher. Erst nächsten Sommer wieder, wenn nur mehr der Permafrost sichtbar ist.“ Im Sommer, wenn die nächste Begehung stattfindet, ist ein Großteil des Schnees und Eis geschmolzen. Dann sind die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels besonders sichtbar – und die Fragestellung, ob das „Ende“ des Goldbergkees bereits gekommen ist, vielleicht beantwortbar.
Zumindest für Simon und Universitätsprofessor Alexis Dworsky (beide Institut für Kunst und Bildung) ist die Chance, den Goldbergkees zu erleben, nicht verpasst. Im August dieses Jahres waren sie zuletzt vor Ort, um dort mit Hilfe von Drohnen Aufnahmen des Goldbergkees zu generieren. Gemeinsam mit Universitätsprofessorin Tina Frank und PhD-Studentin Nadja Reifer (beide Institut für Medien), forschen sie am Projekt „beyond glaciation“. Ein FWF-gefördertes Projekt (2025-2029), in dem sie unter anderem mit der Meteorologin Elke Ludewig und der Mikrobiologin Birgit Sattler zusammenarbeiten. Die Arbeit von Simon und Alexis besteht zu Projektbeginn darin, die Reste des Goldbergkees zu dokumentieren, um ihn für die Nachwelt erfahrbar zu machen. Ihr Ziel …
… ein digitales Gletscher-Abbild
Dezember, 2025: Simon und Alexis führen in ihr Büro am Hauptplatz Linz. Der Eintritt in den Raum eröffnet den Blick auf einen Computerbildschirm; er zeigt das 3D-Modell eines Gletschers – daneben ein 3D-Drucker – weißes Filament ist geladen. Bei dem Filament handelt es sich um einen Kunststoff, der beim 3D-Druck aufgeschmolzen und durch die Düse des Druckers schichtweise aufgetragen wird. Ein plastisches Gletscher-Modell kann entstehen.
Fünf Tage vor diesem Treffen titelt der ORF: „Zerfall der Gletscher setzt sich fort“ – und das im internationalen Gletscherschutzjahr 2025. Was der Jahresbericht nun bestätigt, haben Simon und Alexis im Sommer mit ihren Drohnenaufnahmen bereits festgehalten. Der Goldbergkees hat allein im letzten Jahr 2,1 Meter Wassersäule verloren. Das bedeutet: Die Menge an geschmolzenem Eis entspricht einer 2,1 Meter hohen Wasserschicht pro Quadratmeter Gletscher. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Gletscherjahresberichts ist der Goldbergkees völlig schneefrei, was Expert:innen als „ausgeapert“ bezeichnen. Gleichzeitig haben sich im September große Eisschollen abgelöst und der darunter liegende Gletschersee wird immer größer. Diesen erkennt man am linken unteren Rand des 3D-Modells, das wir nun auf dem Bildschirm vor uns haben: Das Modell des in die Landschaft eingebetteten Gletschers ist enorm präzise, wie beim Hineinzoomen deutlich wird.

Das von Simon und Alexis erstellte 3D-Modell des Goldbergkees mit einer detaillierten Ansicht der Gletscherspalten (rechts).
Alexis wirft eine berechtigte Frage auf und beantwortet sie auch sogleich: “Warum macht man denn das? Das findet man ja in Google Earth, das gibt es ja eh schon – aber hier siehst du den Unterschied.“ Er meint damit die hohe Auflösung, die das Modell bietet. Der Grund dafür liegt im Prinzip der Fotogrammetrie, das die beiden einsetzen. Die Technik ist bereits lange vor der Verwendung von Computern fest in der Gletscherforschung verankert und funktioniert vereinfacht wie folgt: Das Objekt, hier der Goldbergkees, wird aus vielen verschiedenen Blickwinkeln fotografiert, in diesem Fall mit der auf der Drohne befindlichen Kamera. Die Fotos werden überlagert und gemeinsame Punkte identifiziert, die Software rechnet auf die Positionen im Raum zurück, wo sich die Kamera für die einzelnen Fotos befunden haben muss. Daraus wird eine sogenannte Punktwolke berechnet. Die einzelnen Punkte werden dann miteinander verbunden, sodass eine Oberfläche entsteht, die man „Mesh“ nennt. Dann wird die Textur ergänzt, indem die Bilder auf die Oberfläche projiziert werden und so das Modell ein visuelles Erscheinungsbild erhält. Erst durch die Textur wirkt das Modell durch Farbe- und Oberflächendetails realistisch. Der letzte Schritt ist den beiden besonders wichtig. Schließlich besteht ihr Ziel darin, den Gletscher sinnlich erfahrbar zu machen. Dass sie dabei an Grenzen stoßen, ist ihnen bewusst: „Das ist genauso wie mit einem ausgestopften Tier. Der tasmanische Beutelwolf, den gibt es vielleicht noch ausgestopft im Naturkundemuseum, aber das ist nicht das Gleiche, wie wenn es dieses Tier in freier Wildbahn gäbe und so ist es mit dem Gletscher-Modell am Computer auch.“

„Dass die Gletscher zurückgehen, wird nicht mehr aufzuhalten sein. Erst recht nicht durch unsere Arbeit. Trotzdem wollen wir natürlich schon einen Beitrag dazu leisten, dass wir das, was wir dort erleben, auch anderen Leuten vermitteln.“, meint Alexis Dworsky.
Alexis misst die Distanz zwischen zwei Punkten von einem Rand zum anderen Rand im Modell: „Ja, ein Kilometer genau.“ Der Goldbergkees ist ein vergleichsweise kleiner Gletscher. Dennoch, die Befunde sind überall ähnlich ernüchternd und ihrerseits jeweils nur ein Beispiel für ein generelles Phänomen: So war die durchschnittliche Rückzugslänge von 75 Gletschern, die der österreichische Alpenverein (ÖAV) im Gletscherhaushaltsjahr 2023/24 vermessenen hat, 24 Meter lang. Vergleichbare Werte wurden in den beiden Jahren zuvor gemessen: -24 Meter und -29 Meter, letzterer der höchste mittlere Wert der Messgeschichte. Allgemein ist seit den 80ern ein deutlicher Abwärtstrend dieses Werts zu erkennen (ÖAV, o.D.). Diese Entwicklung bleibt für uns nicht folgenlos. Es ist mit gravierenden Einflüssen auf die Regulation des Wasserhaushalts sowie fehlenden Wasserspeichern zu rechnen. Demnach könnte es zu Problemen bei der Versorgung und der Binnenschifffahrt kommen (Quarks, 2022). Hinzu kommen der Anstieg des Meeresspiegels, der Eingriff in die Biodiversität und in polaren Regionen ein Effekt auf die Ozeanzirkulation durch das Schmelzwasser (APA, 2025).
Die Konsequenzen sind besorgniserregend. Wann die einzelnen Gletscher verschwunden sein werden, variiert fallweise, kleinere wie der Goldbergkees vermutlich aber schon sehr bald. „Zehn Jahre kann er realistischerweise noch etwa schaffen“, weiß Simon aus dem Gespräch mit Elke Ludewig. Sie ist ihrerseits Teil des Projekts „beyond glaciation“ und leitet seit 2016 das Sonnblick-Observatorium. Dieses befindet sich am Gipfel des Hohen Sonnblick, wo seit 1886 wissenschaftliche Daten erhoben werden. Von dort kann der Goldbergkees auch begangen werden. Vor ihrem ersten gemeinsamen Gipfel gilt es für Simon und Alexis jedoch Vorbereitungen zu treffen, die über das Packen eines Rucksacks hinausgehen.
Genehmigungen, Gefahren und Geduld
Im zurückliegenden Jahr lernen Simon und Alexis die Kolleg:innen in Innsbruck kennen und absolvieren einen Gletscherkurs mit einem Bergführer. Für die Benutzung der Drohne wird außerdem eine Lizenz und ein Online-Führerschein benötigt, da diese über 250 Gramm wiegt. Die Landesbehörde erteilt die Genehmigung zum Befliegen mit der Drohne, denn das entsprechende Gelände liegt in einem Naturschutzgebiet – für die beiden ein schmaler Grat zwischen Umweltbewusstsein und dem Wunsch, der Nachwelt etwas Anschauliches zu hinterlassen.
Eine weniger bildliche Gratwanderung hingegen stellt der Weg zum Hohen Sonnblick dar. Das wird aus den Fotos, die Alexis und Simon von der Begehung zeigen, deutlich.

Hohe Risiken liegen nicht allein in der Ausgesetztheit des Geländes, sondern resultieren auch direkt aus den Folgen des Gletscherschwundes.
Simon, der bereits öfter am Hohen Sonnblick war, ist wahrscheinlich das letzte Mal auf den Gipfel gegangen, das Erlebnis sei für ihn bereits „grenzwertig“. Denn das Abschmelzen des Permafrosts hat auch gravierende Auswirkungen auf die Sicherheit im hochalpinen Raum, warnt der österreichische Dienst für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie, Geosphere Austria. Der Permafrost umfasst den Boden im Untergrund eines Gletschers, wenn dieser wenigstens über zwei Jahre hindurch gefroren vorliegt. Durch sein Schmelzen gehe schlichtweg die Stabilität des Untergrundes verloren und Felsstürze sowie Hangrutschungen sind zu erwarten. Dabei war das Abschmelzen des Permafrosts am Sonnblick-Observatorium schon vor circa 25 Jahren ein Problem, also ironischerweise genau an einem der wenigen Orte in Österreich, an dem Untersuchungen zu Permafrost durchgeführt werden. Dort musste der Gipfel unter anderem mit Hilfe von sechs bis zehn Meter langen Stahlankern stabilisiert werden, weil der Permafrost im Inneren der Gipfelpyramide zu tauen begann (Geosphere Austria, o.D.). Vor der zunehmenden Schwierigkeit österreichische Gletscher auf Grund ihres Rückgangs zu erforschen hat auch der ÖAV gewarnt, zuletzt im November 2025. Die Messpunkte liegen zunehmend höher und die Steinschlaggefahr steigt, weshalb auch vermehrt Drohnen zur Vermessung zum Einsatz kommen (APA, 2025).
Wie Simon und Alexis jedoch aus Erfahrung wissen, ist auch die Arbeit mit den Drohnen herausfordernd: Zum einen besteht nur ein sehr knappes Zeitfenster, um die Drohnenaufnahmen am Goldbergkees zu machen, idealerweise Anfang September. Innerhalb dieses Zeitraums muss auf gutes Wetter gehofft werden. Sowohl Regen als auch zu viel Sonne sind problematisch. Ein großes Maß an Flexibilität ist in jedem Fall erforderlich. „Und dann hat man wieder einen Nervenzusammenbruch, weil die Drohne gegen den Felsen kracht. Das ist einem auch passiert“, kommentiert Alexis.

Die Drohne mit der Simon und Alexis die Daten für das 3D-Modell des Goldbergkees gesammelt haben.
Solche Momente machen bewusst, wie fragil nicht nur die Ausrüstung ist, sondern auch der Untersuchungsgegenstand. Der Goldbergkees existiert im Rückzug – das bedeutet auch den bisher wenig diskutierten Verlust als Kulturgut. Dieser Punkt wurde zuletzt mit dem Ausrufen des Internationalen Gletscherschutzjahres 2025 durch die UNESCO und die Weltorganisation für Meteorologie betont. Genau an dieser Schnittstelle beginnt Simons und Alexis‘ künstlerische Perspektive auf das Phänomen.
Der Gletscher als Holobiont
Man fragt sich vielleicht was Kunst mit der Digitalisierung verschwindender Gletscher zu tun hat, warum dieses Forschungsprojekt an einer Kunstuniversität verortet ist und die Gesprächspartner eigentlich keine Glaziolog:innen sind. Diese Frage stellten sich auch Simon und Alexis in Bezug auf ihre künstlerische Identität und geben Einblicke in einem Kaffeehausgespräch: Die bisher durchgeführten Arbeiten entsprechen zwar durchwegs wissenschaftlicher Methodik, die beiden verstehen sich dabei dennoch als Künstler: „(…) da glaube ich unterscheiden wir uns schon von vielen Naturwissenschaftler:innen, (…), die ein Phänomen aus einem Blickwinkel betrachten – das auch müssen, weil sie da eine Expertise haben.“
Einerseits ist für sie die technisch exakte Ausführung als auch eine möglichst akkurate Dokumentation und Archivierung wichtig: Die Daten werden dabei zum Beispiel der Nationalparkverwaltung zur Verfügung gestellt und für Vermittlungsarbeit genutzt. Die technischen Möglichkeiten der Zukunft könnten aus diesen archivierten Daten möglicherweise noch mehr herausholen, betont Simon. Andererseits aber beschäftigen sie sich als Kunstschaffende auch intensiv damit, wie ein Gletschermodell schlussendlich kuratiert werden kann, um es erfahrbar, zugänglich und vermittelbar zu machen. Zuvor, in ihrem Büro zeigen sie ein Stück weißes, verschmutztes Textilgewebe. „Gletschervlies“, erklären sie. Ein Material, das zum Einsatz kommt, um Gletscher vor der Sonneneinstrahlung und damit vor dem Schmelzen zu bewahren. Das haben sie am Parkplatz eines Liftbetreibers gefunden und mitgenommen. Laut ihnen wird der Einsatz des Gletschervlies zwar ökologisch argumentiert, sei aber wohl viel mehr der Versuch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Schigebieten zu erzielen, um die Saison bereits früher eröffnen zu können. Dieses Material wollen sie für ihre Ausstellungsarchitektur benutzen, die man nebenbei bemerkt am 04. Februar 2026 im Maximiliansforum München erleben kann.
Der weit fortgeschrittene Rückgang der Gletscher zwingt uns also zur vielfältigen Auseinandersetzung. Womöglich kann Kunst weiterführen, wo Messungen allein nicht mehr ausreichen. Alexis und Simon sind überzeugt, ihre Aufgabe in diesem Projekt ist es, einzelne Perspektiven zusammenzubringen: „Die Meteorologin würde sich normalerweise nicht anmaßen, dass sie etwas über die Kulturgeschichte des Gletschers sagt und der Mikrobiologe würde wahrscheinlich nicht über den Skisport und die Bergtour reden. Aber wir können einen Schritt zurücktreten und diesen Gletscher-Diskurs versuchen, in den Vordergrund zu stellen.“ Alexis nimmt sein Handy aus der Tasche und beginnt zu tippen. Zu Simon gerichtet meint er: „Dilettantismus als Chance, das schreibe ich mir jetzt auf.“
