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Immer mehr Menschen wollen sich mithilfe moderner Operationen "schöner" machen. Der Schönheitswahn einer Gesellschaft kann exzessive Ausmaße annehmen. Doch was bedeutet Schönheit überhaupt? Warum wollen wir überhaupt schön sein? Und welchen Nutzen bringt es uns? 

Den gesamten Juli widmen wir uns dem Themenschwerpunkt "Exzess". Mehr darüber, warum gerade Exzess ein spannendes Thema für die Wissenschaft ist, erfährst du hier.

Warum das wichtig ist:
Schönheitsoperationen liegen im Trend. Gleichzeitig vermitteln Social Media ein problematisches Bild von Schönheit. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wie Schönheitsideale entstehen und wie sie uns beeinflussen. Auch müssen Menschen stärker über die möglichen Konsequenzen von Schönheitsoperatioenn aufgeklärt werden. 

Der Trend zu Schönheitsoperationen setzte sich auch während der Corona-Pandemie fort. So wurden im Jahr 2020 in Deutschland über 800.000 Schönheitsoperationen durchgeführt, wobei 85.5 Prozent von Frauen in Anspruch genommen wurden (Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen, 2022). Betrachten wir die weltweite Anzahl der Schönheitsoperationen, zeigt sich ebenfalls eine steigende Tendenz.
Während im Jahre 2010 geschätzt 14 Millionen Menschen weltweit eine Schönheitsoperation haben durchführen lassen, waren es 2020 bereits beinahe doppelt so viele mit 24 Millionen (ISAPS, 2021). Die am häufigsten durchgeführte chirurgische Schönheitsoperation weltweit war die Brustvergrößerung mit 1,6 Millionen Eingriffen, gefolgt von 1,5 Millionen Fettabsaugungen.

Die beliebtesten Eingriffe, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, sind sogenannte minimalinvasive Behandlungen, etwa Injektionen mit Botulinum (ugs. Botox; 17 Prozent aller Behandlungen bei Männern, bzw. 23 Prozent bei Frauen) und Hyaluron zur Straffung und optischen Verjüngung des Gesichts (16 Prozent bzw. 29 Prozent). Doch ist diese Verjüngung unseres Erscheinungsbildes dem Streben nach Schönheit zuzuordnen? Und wann können wir von einem exzessiven Streben nach Schönheit sprechen?

In diesem Artikel beschäftigen wir uns zuerst mit der Frage, was Schönheit bedeutet und warum wir überhaupt schöner werden wollen. Schönheitsoperationen spielen dabei eine wichtige Rolle, da sie uns ermöglichen, Idealen nachzueifern, die wir auf natürlichem Wege nicht erreichen könnten. Dieses Nacheifern kann exzessive Ausmaße annehmen und gefährlich für unsere Gesundheit werden. Die Folgen von Schönheitsoperationen - sowohl positive als auch negative - betrachten wir aus einem medizinischen und psychologischen Blickwinkel.

Auf der Suche nach Schönheit

Von Plato bis zur modernen Neuropsychologie ist der Begriff Schönheit Gegenstand leidenschaftlicher Debatten. Dabei ist er ein sehr weit gefasster Begriff und kann sich auf alle möglichen Arten von Objekten, wie etwa Landschaften, Gebäude, aber auch Ideen beziehen. In der Forschung wird Schönheit im Zusammenhang mit Menschen oft mit Attraktivität synonym gesetzt. Genau genommen unterscheiden sich diese beiden Begriffe aber. Während Schönheit eine bewusste Beurteilung ist, bezeichnet Attraktivität in der Psychologie unsere unbewusste Reaktion auf etwas.

So benötigen wir einen bewussten Verarbeitungsprozess, um zu beurteilen, ob wir gewisse physische Merkmale einer Person schön finden (Sisti et al., 2021). Ob attraktiv oder nicht, können wir hingegen binnen Millisekunden beurteilen, ohne nachdenken zu müssen. Eine Person, die auf uns attraktiv wirkt, muss also nicht schön sein – und umgekehrt.

Die Existenz des Konzepts Schönheit allein erklärt jedoch nicht, warum immer mehr Menschen danach streben. Schön zu sein, muss mit gewissen Vorteilen verbunden sein, die es Wert sind, sich unters Messer oder zumindest unter eine Spritze zu legen.

Geld, Nachkommen, Job - Ist schöner gleich
besser?

Auf der Suche nach den Vorteilen von Schönheit ist die Forschung auf zwei interessante Erkenntnisse gestoßen. Zum einen gibt es ein sogenanntes Beauty Premium (Hamersmesh & Biddle, 1994), zum anderen kann Schönheit den Erfolg in der Reproduktion erklären (Jokela, 2009). Das Beauty Premium beschreibt, dass schöne Individuen mehr Erfolg am Arbeitsmarkt haben und mehr Geld verdienen als weniger schöne. Wie groß dieser Vorteil ist, hängt aber auch von anderen Faktoren wie z.B. Bildung und Alter ab. In Deutschland etwa verdienen schöne Männer 5 Prozent bis 7 Prozent mehr als weniger schöne. Bei Frauen ist dieser Effekt interessanterweise nicht so hoch und liegt zwischen 2 Prozent und 4 Prozent (Doorley & Sierminska, 2015).

Im Hinblick auf den Erfolg bei der Reproduktion ist der Finnische Psychologe Markus Jokela (2009) auf einen bemerkenswerten Unterschied zwischen Frauen und Männern gestoßen. Während das oberste Quartil, also die am attraktivsten bewerteten 25 Prozent der Frauen, um 6 Prozent mehr Nachkommen hatten als die unteren beiden Quartile, waren Frauen im zweiten Quartil sogar um 16 Prozent erfolgreicher. Bei den Männern unterschieden sich die oberen 3 Quartile hingegen nicht voneinander. Es war bloß ein Nachteil, dem untersten Viertel anzugehören. Ob verheiratet oder nicht spielte ebenfalls eine wesentliche Rolle. Demzufolge ist es schwer abzuschätzen wie hoch der Einfluss von Attraktivität auf unsere Chancen beim Reproduktionserfolg ist.

Vergleiche können unglücklich machen

Nachdem wir nun einige Vorteile von Schönheit kennen, bleibt noch die Frage offen, welche Informationsquellen unsere Wahrnehmung von Schönheit beeinflussen. Wie bei vielen anderen Themen, spielen social media auch für unsere Wahrnehmung von Schönheit eine wichtige Rolle. Über sie können wir uns mit anderen vergleichen und somit eine Standortbestimmung für unseren eigenen Körper durchführen. Diese Möglichkeit kann allerdings auch negative Folgen mit sich bringen.

So fand ein Team der Universität Nantes rund um Barbara Jiotsa (2021) in einer Studie heraus, dass häufiges Vergleichen auf social media dazu führen kann, dass wir weniger zufrieden mit dem eigenen Körper sind und immer dünner werden wollen - unabhängig davon, wie dünn wir schon sind. Diese falsche Wahrnehmung des eigenen Körperbildes ist ein häufiger Grund, warum Menschen an anorexia nervosa (Magersucht) erkranken (Davenport et al., 2015). Interessanterweise scheint der Bildungsgrad ein wichtiger Faktor für die Prävention dieser negativen Auswirkungen zu sein - höher gebildete Personen vergleichen ihren Körper anscheinend weniger oft mit anderen (Jiotsa et al., 2021).

Die intensive Auseinandersetzung mit sozialen Medien führt außerdem zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, eine Schönheitsoperation in Erwägung zu ziehen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die den Einfluss von sozialen Medien, wie Instagram und Tinder, auf die Einstellung zu Schönheitsoperationen untersuchte (Chen et al., 2019). Je mehr wir uns also mit sozialen Medien beschäftigen, desto mehr wollen wir auch an uns ändern. Demnach scheinen soziale Medien eine Schlüsselrolle im exzessiven Streben nach Schönheit zu spielen und uns auch dazu motivieren, diesen Prozess mittels Schönheitsoperationen zu beschleunigen.

Schönheitsoperationen sind allerdings nach wie vor ein kontroverses Thema. Auf der einen Seite können sie als empowernde Möglichkeit gesehen werden, das eigene Selbstbewusstsein zu verbessern. Auf der anderen Seite dienen diese Operationen vor allem dazu, ein idealisiertes, unerreichbares und vor allem europäisches Schönheitsideal zu erreichen. Dadurch wird die normale humane Variation, sprich unterschiedliche Erscheinungsbilder, pathologisiert (Margraf et al., 2013). Dies ist vor allem bezogen auf ethnische und altersabhängige Unterschiede problematisch. Des Weiteren können Schönheitsoperationen zwar zu einem attraktiven Erscheinungsbild führen, sie sind aber auch mit Risiken verbunden.

Keine Rosen ohne Dornen

Zu den häufigsten Risiken bei chirurgischen Schönheitsoperationen zählen, wie bei allen Operationen, Blutungen, Infektionen und Nervenschädigungen, gefolgt von Wundheilungsstörungen und Narbenwucherungen. Je länger die Implantate im Körper verweilen, desto eher kann es auch zu Kapselfibrosen oder einem Riss im Implantat kommen. Bei der Kapselfibrose führt das Narbengewebe, das sich immer um das Implantat bildet, mit der Zeit zu Schmerzen und Verformungen. Sowohl bei einer stark ausgeprägten Kapselfibrose, als auch einem Riss im Implantat, muss das Implantat entfernt bzw. ersetzt werden.

Unabhängig von der Operation selbst, birgt auch jede Vollnarkose umfassende Risiken. Bei lebensnotwendigen Operationen überwiegt hier deutlich der Nutzen einer Operation über das Risiko. Dies kann man bei rein ästhetischen Eingriffen nicht behaupten. Umso wichtiger ist eine umfassende Aufklärung der Patient:innen ohne Verharmlosung der Risiken. Auch bei nicht-chirurgischen Eingriffen, wie Botulinumtoxin-Injektionen oder Faltenunterspritzungen, kann es zu unvorhergesehen Blutungen, Infektionen und Gewebeschädigungen kommen.

Schönheitsoperationen sind teuer und mit ihnen kann sehr viel Geld verdient werden. Eine Tatsache, die sich viele Mediziner:innen zu Nutzen machen. Unabhängig davon, ob sie Plastische Chirurg:innen sind oder nicht, bieten immer mehr Ärzt:innen ihre Dienste für die Schönheit an. Hals-Nasen-Ohren-Ärzt:innen richten Nasen, Dermatolog:innen unterspritzen Falten, Augenärzt:innen straffen Lider. Mediziner:innen sollten die erforderliche Nutzen-Risiko-Abwägung bei jedem Eingriff erneut durchführen.

Dies trifft auch auf Reza Samray zu, einen ehemaligen Arzt, der wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt wurde. Der “Schönheitschirurg” (dieser Begriff, ist anders als der Facharzt/die Fachärztin für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, nicht geschützt) führte regelmäßig “Brazilian Butt Lifts” durch, bei denen seinen Kund:innen Eigenfett aus Oberschenkel- und Bauch abgesaugt wurde, um anschließend in den Hintern initiiert zu werden. Er führte diese Operationen jedoch unsachgemäß durch, sodass es zu schweren Blutungen, sowie Fettembolien kam und zwei seiner Patient:innen starben (Süddeutsche Zeitung, 2021; Stuttgarter Nachrichten, 2021).

Schönheitsoperationen als Teil unserer Gesellschaft

Das Streben nach Schönheit und den damit verbundenen Anstieg von Schönheitsoperationen können wir als zweischneidiges Schwert betrachten. Auf der einen Seite stehen die Vorteile, sich physisch verwirklichen zu können und somit, unter gewissen Voraussetzungen, glücklicher zu werden. Diese Vorteile konnten in einer Studie eines internationalen Forscher:innen-Teams rund um Jürgen Margraf (2013) nachgewiesen werde. Jene Studienteilnehmer:innen, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen berichteten danach u.a. über höhere mentale- und physische Gesundheit, sowie mehr Zufriedenheit, Wohlbefinden und Selbstvertrauen, als jene Studienteilnehmer:innen die zwar eine Schönheitsoperation in betracht zogen, sie aber nicht durchführten. Außerdem zeigten sie weniger Anzeichen für Depressionen, soziale Phobien und Angstzustände.

Auf der anderen Seite sind Schönheitsoperationen stets mit gesundheitlichen Risiken verbunden, denen zu wenig Beachtung geschenkt wird - sei es aufgrund finanzieller Anreize für Ärzt:innen oder eines hohen gesellschaftlichen Drucks auf Patient:innen. Eine Stigmatisierung von Schönheitsoperationen wird weder den Boom stoppen, noch den gesellschaftlichen Druck verringern. Stattdessen sollte das Thema offen angesprochen und über Nutzen und Risiken aufgeklärt werden.

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Hamermesh, D. S., & Biddle, J. E. (1994). Beauty and the labor market. The American
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Jiotsa, B., Naccache, B., Duval, M., Rocher, B., & Grall-Bronnec, M. (2021). Social media
     use and body image disorders: Association between frequency of comparing one’s own
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     Po-Vergrößerungen beginnt
. vom 28.11.2021
Süddeutsche Zeitung. (2021). Tod nach Po-Vergrößerung. Arzt muss für mehrere Jahre ins
     Gefängnis
. vom 17.11.2021 und 28.11.2021

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