Projekt Wissenschaft Wissenschaftliche Revolutionen

Unser technologischer und intellektueller Fortschritt scheint eine der größten Errungenschaften der Wissenschaft. Doch der Wissenschafstheoretiker- und historiker Thomas Kuhn stellte in den 70er-Jahren die These auf, dass Wissenschaft keinen richtigen Fortschritt produziert, sondern bloß ein Denksystem durch ein anderes ersetzt.

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Wissenschaftlicher Fortschritt ist dafür verantwortlich, dass wir Menschen heute nicht mehr mit Hämmern und Nägel operieren, sondern mit chirurgischen Werkzeugen. Er ist der Grund, warum auch in unwirtlichen Gebieten Nahrung angebaut werden kann und Leben möglich ist. Dank ihm können wir heute fliegen (ans andere Ende der Welt oder gar auf den Mond), Teilchen beschleunigen und den ganzen Tag in unsere Smartphones blicken.
Wir verdanken diesen wissenschaftlichen Fortschritt der Tatsache, dass wir immer mehr über die Welt herausfinden. Wir verstehen immer besser, wie sie funktioniert und aus welchen Grundbestandteilen sie aufgebaut ist. Die Geschichte der Teilchen gibt hierfür ein gutes Beispiel: Nachdem die Wissenschaft lange daran gezweifelt hatte, ob es denn so etwas wie Atome überhaupt gab, entdeckte man im 20. Jahrhundert schließlich Protonen, Neutronen und Elektronen, die jedes Kind in der Schule als Grundbestandteile der Atome kennen lernt. Doch mit der Zeit wurden immer kleinere Teilchen entdeckt, etwa die Quarks. Wissenschaftler:innen verstanden immer besser, woraus Atome bestehen (ohne dass ein Ende in Sicht wäre). Ist es also das, was Wissenschaft ausmacht: Die Akkumulation von Wissen? Sind Disziplinen, die uns keinen erkennbaren wissenschaftlichen Fortschritt bringen, demnach auch keine Wissenschaft? 

Wissen wir immer mehr oder bloß anders?

Manche mögen das so sehen. Doch nicht Thomas Kuhn. Er stellte in seinem Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" 1976 die Frage: Was, wenn Wissenschaft weniger ein Prozess von langsam anwachsendem Wissen ist, als vielmehr das Ersetzen eines großen Systems mit einem anderen?
Kuhn nannte das Paradigmenwechseln: In den Naturwissenschaften herrschen Paradigmen vor, das bedeutet allgemein akzeptierte Theorien. Für lange Zeit war das in der Physik etwa die klassische Mechanik mit ihren Gravitationsgesetzen nach Isaac Newton.
Die Berechnungen des großen Physikers helfen seit dem 17. Jahrhundert dabei, die Bewegungen von Planeten vorherzusagen. Sie haben sich als überaus nützlich erwiesen und wurden daher von der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert. Man konnte nicht alles mit ihnen erklären, aber wo Wissenschaftler:innen auf Probleme stießen, hinterfragen sie nicht die Theorie, sondern zunächst ihre Messmethoden und Schlussfolgerungen. Die Newton´sche Theorie selbst wurde nicht hinterfragt – zu nützlich und wirksam schien sie. Dabei war sie, wie Kuhn betont, ein Paradigma – und damit nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein soziales Phänomen. Studierende lernten sie aus ihren Textbüchern, Wissenschaftler:innen setzten sie für ihre gesamte Arbeit voraus. Und dann kam das, was Thomas Kuhn eine „wissenschaftliche Revolution“ nennt. Diese Revolution hatte einen Schnauzer, wildes Haar und trug den Namen Albert Einstein.

Einstein vs. Newton: Eine wissenschaftliche Revolution?

Einstein entdeckte die Relativität, während er in einem Schweizer Patentamt arbeitete. Anfänglich wollte er selbst nicht so recht glauben, wohin ihn seine Berechnungen führten. Denn die Relativitätstheorie führte die klassische Physik im Sinne Newtons nicht weiter – sie ersetze sie.
Darauf will Kuhn hinaus: Große wissenschaftliche Sprünge wie jener von Newton zu Einstein sind inkommensurabel. Das bedeutet, sie bauen nicht aufeinander auf, sondern eine Theorie ersetzt die andere. Daher kann man nicht von einem Fortschritt sprechen, sondern eben von einer Revolution oder von einem Sprung. Hätte Kuhn Recht, wäre die Wissenschaft eine einzige Geschichte von faszinierenden (Neu-)Anfängen. Aber wirklich besser lernen wir die Welt nicht kennen – vielmehr lernen wir, sie anders zu betrachten.
Die Idee Kuhns ist eine der meistdiskutierten Theorien des 20. Jahrhunderts. Kuhn nutzte die Theorie der Paradigmenwechsel dazu, "harte" von "weichen" Wissenschaften zu unterscheiden. Für ihn sind die Naturwissenschaften "hart", da in ihnen nur die aktuellsten Theorien eine Daseinsberechtigung haben. In der Physik lernt niemand mehr über den Äther, obwohl er für lange Zeit die Hörsäle der Welt beherrschte. Alte Theorien landen auf dem intellektuellen Schrottplatz der Geschichte.
"Weiche" Wissenschaften, womit vor allem die Geisteswissenschaften gemeint sind, funktionieren anders. In ihnen koexistieren zahlreiche Theorien, denn es ist nur schwer möglich, sie zu widerlegen. Das ist der Grund, warum Philosophiestudent:innen noch immer über Platon und Aristoteles lernen, obwohl deren Schriften mehr als zweitausend Jahre alt sind. In solchen Disziplinen ist kein wirklicher Fortschritt erkennbar. Sind sie also nicht wissenschaftlich?
Das muss nicht zwingend so sein. Kuhns Paradigmenwechsel wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf zahlreiche wissenschaftliche Gebiete angewandt. Die Geschichtswissenschaften etwa arbeiten heute völlig anders als noch vor hundert Jahren, haben sie doch weitgehend den Anspruch aufgegeben, Geschichte völlig objektiv und neutral wiedergeben zu können. Die Philosophie hat im 20. Jahrhundert zahlreiche Wenden erfahren, einer der gewichtigsten war der sogenannte "linguistic turn", also die Annahme, dass unser Weltverständnis in erster Linie sprachlich konstruiert ist. Untersuchen wir wissenschaftliche Disziplinen, können wir überall Paradigmenwechsel finden. Bedeutet das aber nun, dass wir uns von der Hoffnung auf Fortschritt durch wissenschaftliche Erkenntnis verabschieden müssen?
Das war wohl kaum Kuhns Motivation. Vielmehr lässt sich aus der Diskussion, die Kuhns Theorie der wissenschaftliche Revolutionen lostrat, ein breiteres Verständnis von Wissenschaft zeichnen. Eines, das Wissenschaft nicht bloß durch den erzielten und messbaren Fortschritt legitimiert, den sie bringt. Sondern das Wissenschaft als einen kontinuierlichen, wechselhaften Prozess zeichnet, dessen Aufgabe es nicht einzig und alleine ist, falsche Theorien durch richtige zu ersezten. Sie schafft auch Raum für Theorien und Denksysteme, die unsere bekannte Welt in völlig neuem Licht zeigt – so, als würden wir sie zum ersten Mal sehen.

Thomas Kuhn entwickelt die Idee der wissenschaftlichen Revolutionen in seinem Werk "The Structure of Scientific Revolutions" (deutsch: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen). 

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